ASA Epic 2025: Ausnahmezustand Ultracycling
📸 Youri Zwart, wenn nicht anders gekennzeichnet.
Es ist Freitag, der 30. Mai 2025. Ich stehe mit meinem Bike-Buddy Timo etwas müde als gemeldetes Team am Start des Ultracycling-Rennens ASA Epic im niederländischen Amersfoort. Jetzt gibt es trotz der unruhigen Nacht zuvor im Hotel kein Zurück mehr. 1000 Kilometer und rund 9000 Höhenmter liegen vor uns. Es geht durch die Niederlande, nach Deutschland in Richtung Sauerland, um direkt im Anschluss den Teutoburger Wald zu erklimmen und zurück nach Amersfoort zu gelangen. Kein Gravel, wie im letzten Jahr in Norwegen, sondern mit dem Rennrad geht es über asphaltierten Pisten. Hell yeah.
Hinter uns liegt rund ein halbes Jahr Planung für dieses Langstrecken-Rennen. Dabei ging es darum, so wenig wie möglich und nur das absolut Notwendigste mitzunehmen. Penibel haben wir uns all das Material angeschaut, was in Betracht kommen könnte. Haben abgewogen, auch auf der Waage, was Sinn macht oder nicht gebraucht wird. Etliche Male haben wir uns ausgetauscht, verglichen, Dinge gestrichen oder hinzugefügt. Selbst die Gels, spezielle Iso- und Recovery-Drinks wurden für jeden Tag an unsere Marsch-Tabelle angepasst. Am Ende waren wir beide von unserem Set-Up vollends überzeugt. Auch, wenn es mehr ins Geld ging, als wir es am Anfang vermutet hatten.
Außerdem wurden im Vorfeld einige Höhenmeter geschrubbt. Ob im Trainingslager in Italien mit dem Radsportverein oder auf Ausflügen ins Bergische Land oder in die Gegend rund um Tübingen mit den Arbeitskollegen: Ohne das Training wäre es ungleich schwieriger geworden. So jedoch verloren die Anstiege einen Teil ihrer Schreckenskraft. Das Rennen konnte beginnen.
MEIN SET-UP
Am Abend vor dem Start des ASA Epic gab es das obligatorische Fahrerbriefing im Vereinsheim eines ansässigen Radsportvereins. Dazu eine verdammt leckere Pasta-Party, um die hungrigen Mäuler zufriedenzustellen. Nachmittags hatten Timo und ich unsere Räder auf dem Parkplatz zusammengebaut, alle Taschen montiert, die letzten Einstellungen vorgenommen, den Tracker am Rahmen für das Publikum zur Verfolgung unserer Route auf Dotwatcher befestigt und waren stressfrei Ready to Ride.
Schnell ein kurzes, gegenseitiges Schulterklopfen vor dem Start und der Ehrenrunde über das vereinseigene Gelände und wir rollten schnell aus der Stadt hinaus. Sechs Tage Zeit, um die vorgegebene Strecke zu absolvieren. Unser Plan war jedoch, Montagabend wieder in Amersfoort einzulaufen. Machbar, dachten wir uns. Doch es sollte anders kommen…
Am ersten Tag war die Wetterprognose gut. Insbesondere der Rückenwind gab uns Auftrieb und wir rollten flott durch die Landschaft. Arnheim, Nimwegen und kurz darauf bereits über die Grenze nach Deutschland. Das motivierte uns. Die Räder liefen bis dato gut und wir hatten uns an der guten Radinfrastruktur in den Niederlanden erfreut. Immer wieder ein Traum, dort zu fahren. Auf rund 72 Kilometern mussten wir nicht einmal an einer Straße anhalten, die Ampeln gaben uns Radfahrern stets sichere Vorfahrt.
Tschüss, Niederlande
Beim Grenzübertritt nach Deutschland dann genau das Gegenteil. Auf einer schönen Bahntrasse fahrend, gab es an jeder Straßenkreuzung Drängelgitter und Vorfahrt für den motorisierten Verkehr. Ein fürchterliches Stop & Go. Hinzu kam auf einer schmalen Passage fast noch eine Schlägerei mit einem typisch deutschen Autofahrer hinzu, der erst drängelte und nötigte, da er keine Geduld hatte, hundert Meter hinter uns zu fahren, bis die Straße wieder breiter wurde. Als er dann eng an uns vorbeischoss und wir ihm hinterher fluchten, hielt er plötzlich an, stieg aus und wollte Timo einen verpassen.
Dieser widerliche Jüngling, der Papa’s dickes Auto ausführen durfte und im Leben noch nichts erreicht hat, ließ es bleiben, als wir uns das Kennzeichen merkten, aber teilte verbal unter der Gürtellinie aus. Ja, das muss auch mal raus: solche proletenhaften Hosenscheisser hasse ich wie die Pest und wünsche denen nur das Beste. Möge dich der Blitz beim Sch… treffen. So. Punkt.

Wir fingen uns wieder ein und kamen „unserem“ Ruhrpott schnell über den eintönigen Damm des Rheins näher. Je näher wir dem „Revier“ kamen, desto schlechter wurden die Wege. Teilweise konnte der Asphalt nur noch als lose Bröseln wahrgenommen werden. Bei Duisburg war es am schlimmsten, zumindest kam dort eine Tankstelle und wir füllten unsere Trinkvorräte wieder auf. Das tat gut, denn es war warm, die Sonne schien auf unsere Häupter herab.
Hier, wo wir quasi jeden Weg kennen, war uns klar, dass es ab nun etwas langweilig werden könnte. Zumal es den Ruhrtal-Radweg entlang ging und viele Menschen durch den Brückentag frei hatten. So war das dortige Fahren auch nicht wirklich schön. Es war teils Überlaufen, zahlreiche Baustellen zierten den Weg und die Straßen waren oftmals in derartig schlechtem Zustand, dass wir uns gefragt haben, warum andere Länder das hinbekommen, Deutschland aber nicht. Eine Antwort fanden wir, wen wundert’s, nicht.
Durch „unser“ Revier
Eine kurze Erfrischungspause am Kemnader See und bei Wetter/Ruhr Einkehr beim Italiener zum Abendessen. Mein Problem bei solchen Anstrengungen ist stets die Nahrungsaufnahme. Ich habe zwar Hunger, mümmle aber immer nur vor mir hin und bekomme das Essen nur schwer hinunter. Auch diesmal. Die Pizza war lecker und funktioniert meist immer bei mir. Doch diesmal leider nicht ganz so gut. Immerhin hatte ich etwas im Magen, als wir weiterfuhren. Richtig gut ging es mir dennoch nicht. Vielleicht lag es an dem Süßkram, den ich den ganzen Tag über hinuntergezwänkt hatte, vielleicht einfach nur an dem bisher langen Tag im Sattel.
Die Straßen in der Gegend bei Hagen waren hundsmiserabel und wir hofften auf Besserung, sobald wir im Sauerland wären. Langsam wurde es dämmrig und unser Plan war es, nun Ausschau nach einer Schutzhütte oder einer anderen Schlafgelegenheit zu halten. Wir hatten welche in unserer Marschtabelle auf dem Smartphone gekennzeichnet, doch es kam anders. Erst fuhren wir die Bundesstraße bei Volkringhausen und Beckum hinauf, bevor wir an einer Straßenecke ein überdachtes Beton-Haltestellenhäuschen erblickten. Das sah gut aus, war sauber, hatte aber eine äußerst einsehbare Position.
War dies die richtige Entscheidung? Wir waren müde und mit fast 330 Kilometern reichte es mir dann auch. Wir blieben. Als wir uns auf der langen Holzbank ausbreiteten, fuhren allerhand Autos an uns vorbei. Ich hätte gerne Mäuschen gespielt, um zu wissen, was sie von uns gedacht haben. Wir hofften, dass der Verkehr in der Nacht nachlassen würde. Unsere Rennräder drapierten wir mit unseren verschwitzten Trikots, um uns vor dem Licht der Scheinwerfer etwas zu schützen.
Als wir uns quasi nackig machten, um in unsere Schlafkleidung zu huschen, hielten wir uns den Schlafsack vor den Körper, wenn wieder ein Auto heranrauschte. Oder ein anderer Teilnehmer des ASA Epic teilnahmslos und ohne ein Anzeichen von Regung einfach ohne zu grüßen an uns vorbeifuhr. Im Grunde war es egal. Die Hemmschwelle sinkt bekanntlich rapide bei solchen Fahrten. Wir hatten an dem Abend den goldenen Präsentierteller erwischt, dafür aber ein trockenes, sauberes Plätzchen. Man kann nicht alles haben.

Die Nacht, man höre und staune, war tatsächlich besser als zuvor im Hotel, obwohl wir trotzdem hin und wieder kurz aufwachten. Der Verkehr war gering geworden, dennoch war ich froh, dass ich meine Ohrstöpsel mithatte, um die Umgebungsgeräusche ausblenden zu können. Das half mir gut durch die Nacht und gehört mittlerweile zu meinen Must-Haves dazu. Um halb sechs wollten wir weiterfahren, dementsprechend früh ging der Wecker. Um sechs fuhren wir letztendlich los, nachdem wir unseren Krempel wieder verstaut hatten.
Das Wetter ist mit uns – vorerst
Natürlich, wie sollte es anders sein, ging es unmittelbar an der Haltestelle in die Höhe. Warmfahren? Keine Chance. Zum Glück war der Anstieg nicht lang und wir rollten fortan parallel zum Sorpesee, über den die Sonne gerade aufging. Mit einem Lächeln auf den Lippen ging es durch den Morgen, die Straßen waren noch leer, leichte Nebelschwaden waren an den Hängen der Hügel zu erkennen. Eine gedämpfte, aber angenehme Stimmung lag in der frischen Luft. In der Luft lag aber auch potenzielle Unwettergefahr zum Mittag hin, erzählten die Wetter-Apps. Wir würden sehen, ob wir davon wirklich betroffen sein würden.
In einer Bäckerei in einem kleinen, für mich namenlosen Dorf, trafen wir auf weitere Fahrer des ASA Epic. Verpflegung ist alles und Bäckereien sind eine ganz wunderbare Institution mit all den Leckereien. Und oftmals eine kurze Verbindung mit den anderen Fahrern. Man erzählt, wie es einem bisher erging, wo man genächtigt hatte und was für diesen Tag an Kilometern geplant war und schon fuhr man wieder auseinander.
Timo bekam zu irgendeinem Zeitpunkt, an dem ich mich nicht mehr genau erinnere, die Info auf dem Handy, dass wir als Paar vorne liegen würden. Das war ein prima Gefühl, jedoch sehr weit weg und wirklich Beachtung schenkten wir dem nicht. Zu surreal war das für uns. Und zu lange noch das Rennen, als dass es einen Effekt auf uns haben würde.
Je tiefer wir ins Sauerland vorstießen, desto mehr Anstiege folgten. Irgendwann stellten wir fest, dass nach jedem Anstieg eine saumäßig tolle Abfahrt folgte. Wow, die Streckenführung war gelungen und motivierte. Auch wenn auf dem Weg nach oben geächzt und geschwitzt wurde, wollten wir jedesmal Mal die Belohnung in Form des rasanten Bergabwärts-Rausches.
Die Ausblicke in die Landschaft waren wunderschön, wenn wir den Kopf hochnahmen. Die Ortschaften kamen und gingen. Orte, von denen wir bisher nie gehört hatten. Kleine Weiler, pittoreske Dörfer mit dem typisch sauerländischen Schieferdächern und den Fachwerkhäusern flogen mehr oder weniger an uns vorbei. Interessant wurde es, wenn sie Tankstellen oder einen Supermarkt hatten.
Unser Credo war: schnell hinein, schnell futtern und auftanken und schnell wieder weiter. Dass dieses „schnell-schnell“ nicht immer die optimale Entscheidung war, bemerkte ich leider nicht gleich. Die Nahrungsaufnahme war weiterhin schwierig, die Pausen für mich persönlich zu kurz. Zwischendurch hätten wir das auch einmal etwas ausdehnen können. Die Erfahrung war da, aber wie das so ist im Team, da wird man angestachelt und will dann auch selbst fix weiter. Die Erfahrung hätte es mir lehren müssen. So hing mein Magen immer etwas in den Seilen und war bisher mein größtes Problem. Auszuhalten, aber irgendwie doch etwas nervig.
Die Rennräder zeigten dagegen bisher keine Schwächen und fuhren sich großartig. Das Gewicht empfand ich nie als störend. Selbst an den Anstiegen nicht. Mit der Zeit wurde das Gepäck leichter, da Gels und Iso-Pulver nach und nach immer weniger wurden. Ich war mit dem Set-Up sehr zufrieden.
Kletterübungen im Sauerland
Dann leichtes Radeln ein Stück am SauerlandRadring und über die Bundesstraße der Lenne entlang. Bekanntere Orte wie Schmallenberg und Bad Fredeburg folgten, als es in Richtung Kahler Asten ging, dem höchsten Punkt der Tour. Die Straße dorthin war gut zu fahren. Durch den Wald und mit tollen Fernblicken zwischendurch.

Bis eine endlose Truppe an Motorrädern mit Seitenwagen uns entgegenkam. Ein Lärmpegel sondergleichen, verbunden mit dem Gestank der Abgase. Die Karavane der blitzblank geputzten Blechschüsseln nahm kein Ende und als sie endlich vorbei war, hörte man sie noch minutenlang im Tal kreischen. Was soll daran bitteschön toll sein? Jedem das Seine, aber ich empfand das in dem Moment in dieser wunderschönen Natur als dermaßen unpassend und ja, sogar widerlich. Denn der Gestank lag noch lange in der Luft.
841 Meter hoch ist der Ausflugspunkt des Kahlen Astens gelegen. Timo war ein kleines Stückchen vor mir angekommen, oben auf dem Plateau tobte eine Hochzeitsgesellschaft bei dem schönen Wetter. Sie hatten wie wir richtig Glück, ein Unwetter war weit und breit am Himmel nicht auszumachen. Durchatmen, Foto machen und hinab in die Abfahrt. Das machte Laune.
Kurz darauf gönnten wir uns an einem Mini-Supermarkt ein schnelles Koffein-Getränk und ich zusätzlich ein kühlendes Eis. Es folgten weiterhin immer wieder knackige Kletterpassagen. Nie zu lang, um ätzend zu sein, sondern eher einen ausgeglichenen Mix entsprechend, der uns gefiel. Ja, manchmal gab es auch Passagen, die etwas zu lange an Bundesstraßen entlang führten, aber grundsätzlich war das Fahren im Sauerland ein tolles Erlebnis.
Bei Bad Berleburg ging es links weg, Orte liefen an mir vorbei, ohne dass ich sie wirklich wahrnahm. In Hallenberg hielten wir an einem Supermarkt. Eine Banane, eine Coke, durchschnaufen. Dennoch wurde ich schnell müder. Wir trafen irgendwann auf andere Fahrer, als es in drei hintereinander folgende, echt fiese Anstiege ging. Und das war ein schwieriger Moment. Einer derjenigen, die unweigerlich kommen bei solchen Fahrten. Wo einfach nichts zusammenpasst, alles irgendwie doof ist und die Lust am Radfahren beginnt, daniederzuliegen.
Stress beim Ultracycling
Auch die anderen Fahrer passten mir in dem Moment nicht, da sie mir/ uns irgendwelche Tipps und Ratschläge geben wollten, wo wir zu essen hätten und wo wir anschließend nächtigen könnten. Sie meinten es nicht böse, im Gegenteil. Sie passten mir einfach nur nicht in den Kram nach den fetten Anstiegen, die mir am Ende des Tages noch einmal ordentlich Körner kosteten. In Usseln würde ich an der Pizzeria essen, die ich rausgesucht hatte, und für mich gab es auch keine andere Alternative, als einer anmerkte, da vorne wäre noch eine andere Pizzeria, wenn wir hier so lange warten müssten. Nichts da.
„Kannste ja machen“, dachte ich mir. „Ich warte jetzt hier, der Tisch ist gleich frei.“ Ich glaube, als dann noch gesagt wurde, wir könnten da auf irgendeiner Hütte zu dritt schlafen, verdrehte ich die Augen. Waren wir jetzt ein 3er-Team? Nö. Das passte mir überhaupt nicht. Letztendlich war das Essen in der Pizzeria prima und auch Youri, der Fotograf, der uns Unterwegs immer mal wieder abfing und ablichtete, erschien, da er uns hier per Dotwatcher sitzen sah und trank eine Coke mit. Die Situation entspannte sich zunehmend.
Das sind Momente in Ausnahmesituationen, die niemals bös gemeint sind. Und wenn derjenige dies hier liest und sich wiedererkennt, wird er es auch verstehen, da er solche Augenblicke garantiert selbst kennt. Deshalb an dieser Stelle nichts als Liebe.
Für Timo und mich war klar, wir würden uns den nächstbesten Ort suchen, um zu nächtigen. Die Dämmerung setzte bereits ein, als wir wieder losfuhren. Wir mussten gar nicht weit rollen, in Eimelrod fiel mir rechts ein gut aussehender Fußballplatz auf. Mit einem Vordach, unter dem wir möglicherweise schlüpfen könnten. Wir überlegten, als uns in dem völlig ruhig daliegenden Ort zwei junge Frauen mit Bierflaschen in der Hand entgegenkamen.
Ich fragte sie kurzerhand, ob es möglich wäre, als Bikepacker dort unser Nachtlager aufzuschlagen. „Klar, das ist kein Problem.“ Ich fragte noch zweimal nach, ob das wirklich so einfach mitten in diesem Dorf geht. Aber sie versicherten uns, dass niemand etwas sagen würde. „Okay, wenn das so ist, vielen Dank!“ Unser „Gast-Fahrer“ wollte noch etwas weiterfahren und wir verabschiedeten uns für den Moment.
Der Schlafplatz war der absolute Glücksfall. Großzügig überdacht und genug Platz für einen trockenen und windgeschützten Schlafplatz. Ganz wunderbar, denn für die Nacht kündigten sich Regenschauer und Gewitter an. Wir schliefen so gut wie seit drei Tagen nicht mehr.
Der Beginn eines epischen Tages
Der nächste Morgen um fünf. Der Regen war da und hatte ordentlich Feuchtigkeit gebracht. Wie episch dieser Tag werden sollte, war uns nicht klar. Es sollte völlig irre werden. Ausarten ist vielleicht das passende Wort. Doch von vorn.
Wir verstauten unsere sieben Sachen wieder am Rennrad. Der Regen prasselte auf den gepflasterten Vorplatz. Wir warteten noch etwa ab, bevor wir loszogen. Aus Gewichtsgründen hatten wir beide nur eine Regenjacke mit. Als wir losfuhren, regnete es nicht mehr ganz so stark, doch mir war klar, dass das Spritzwasser unweigerlich für nasse Füße sorgen würde. Das war das Risiko, das wir mit unserer minimalistischen Ausrüstung eingegangen waren und wofür wir jetzt Rechnung tragen mussten.
Es rollte sich zum Glück zunächst leicht durch die feuchte, herrlich würzig riechende Landschaft. Die Nebelschwaden an den Hängen verschwanden nur zögerlich, als wir entlang des Diemelstausees fuhren. Dem Diemelradweg folgend, wollten wir in Marsberg ein Frühstück zu uns nehmen, fanden jedoch bereits einen Bäcker in Bredelar. Doch auch hier wieder das Problem, dass die Augen groß waren beim Anblick der leckeren Sachen, der Magen aber kein großes Interesse hatte, sie auch hinunterzubekommen. Dieses ewige Darauf herumkauen nervte mich. Trinken war und ist nie ein Problem, doch dass ich kaum Energie zuführen konnte, machte mir das Leben schwer.
Trotzdem hielten wir nochmals in Marsberg an der Tankstelle, um unsere Trinkvorräte aufzufüllen. Ich war froh, den Trinkrucksack dabei zu haben, der sich auf der gesamten Tour bewährte. Dort fand nicht nur das Wasser seinen Platz, sondern in den Taschen auch Gels, Nüsse oder die Windweste.
Kurz darauf ging das Klettern wieder los. Die Auswahl der Anstiege empfand ich als gelungen, denn sie waren meist gleichmäßig zu treten, sodass sie am Ende eher Spaß machten, als ein Krampf zu sein. Eine Bergziege werde ich zwar nie, aber das hier war völlig in Ordnung für mich. Auch, wenn Timo es mir vielleicht nicht ansah. Er ist der etwas bessere Bergfahrer von uns beiden, ich bin eher der Typ, der über Steigungen bis knapp sechs Prozent gut klarkommt und bei allem darüber etwas kämpfen muss.
Als wir in die Höhe strampelten, die Sonne langsam wieder Oberhand gewann und die feuchten Nebelschwaden langsam ihren Dunstschleier zur Seite zogen, eröffneten sich uns atemberaubende Ausblicke ins Sauerland, dass wir nun langsam in Richtung Teutoburger Wald verließen.
Verschluckt im Teutoburger Wald
Das Paderborner Land flachte ab und war „nur“ noch hügelig. Windräder allerorten, die den hier durchfegenden Wind zu Energie umwandeln. Ich wackelte unruhig auf dem Sattel herum. Relativ schnell wurden die Sitzbeschwerden stärker, die sich schnell zu einem echten Problem auswuchsen. Ich musste etwas unternehmen. Nachschmieren würde nicht ausreichen. Und dann machte ich einen Fehler, den man nie machen sollte: Ich veränderte die Position des an sich perfekt eingestellten Sattels. Ich verschob ihn etwas nach hinten, sodass ich ganz leicht etwas mehr auf dem Dammbereich sitzen würde, womit ich mir weniger Sitzprobleme erhoffte.
Das funktionierte überraschend gut und ich war voller Hoffnung für die weitere Strecke. Doch da schlummerte etwas unter mir, das ich mir dem Moment noch nicht vorstellen konnte.
Wir waren gut drauf und eh wir uns versahen, fuhren wir plötzlich bereits an den bekannten Externsteinen in der Nähe von Detmold vorbei. Wir waren jetzt bereits mittendrin im Teutoburger Wald. Lief doch ganz passabel bis hierhin, fand ich. Rein für meinen Kopf war es gut zu wissen, dass wir in Kürze bereits das Hermannsdenkmal passieren würden. Die Wege dort sind mir durchaus bekannt und ich wusste, was da für ein etwa zwei Kilometer langer und knackiger Anstieg kommen würde, mit einer kurz davor liegenden Mauer bei Berlebeck.
Timo war ein Stückchen vor mir an dem Anstieg, als mich von hinten ein kräftiges Pärchen mit E-Bikes und in dämlichen Gummi-Clogs doof grinsend und winkend überholte und einen blöden Spruch auf den Lippen hatte, den ich nicht ganz verstand. Hätte ich Blitze mit den Augen abfeuern können, wären sie kräftig bei denen eingeschlagen. Ich fragte mich, was das sollte. Diese sockenlosen Helden in ihren blöden Clogs. Auf sowas kann ich gar nicht. Aber egal.
Youri, der Fotograf des ASA Epic, stand oben am Scheitelpunkt und machte ein paar Fotos von uns, bevor es rasant hinunterging, ohne das Denkmal gesehen zu haben. Keine Zeit für Sightseeing, denn wir führten in der Gesamtwertung als Team und langsam aber sicher stachelte uns das an.

In der Abfahrt fuhren wir direkt auf einen – Achtung – türkischen Griechen zu, bei dem wir uns zur besten Mittagszeit endlich eine vernünftige Pause gönnten. Die Gyros Pita schmeckte und ich bekam sie gut hinunter, trotzdem die Portion etwas zu groß war. Aber immerhin. Der Magen fühlte sich danach auch gut an und meine Vermutung keimte immer mehr, dass der ganze Süßkram als schneller Energielieferant zwischendurch ein großes Problem für mich darstellte.
Von nun an würden im Teutoburger Wald zwar noch ordentlich Anstiege kommen, allesamt aber nicht sehr lang. Das Höhenmeterprofil zeigte etliche Zacken, in der Summe nahmen die Höhenmeter aber ab.
War ich zunächst wieder gut drauf und fuhr es sich auf dem Rennrad gut dahin, nahmen die Sitzbeschwerden wieder Kontakt zu meinem Großhirn auf. Ich wurde erneut etwas unruhiger im Sattel. In Bielefeld nahm der Verkehr deutlich zu und den Autofahrern war es deutlich anzumerken, dass sie es hassten, den Straßenraum mit uns teilen zu müssen.
An einer Tankstelle füllten wir unsere Vorräte erneut auf. Dort liefen merkwürdige Gestalten herum, denen wir sogar Alkohol aus der Tanke kaufen sollten, weil sie bereits Hausverbot hatten. Was zum…nein! Definitiv nein! Wir packten unseren Kram und wollten einfach schnell weiter. Die Stadt hinterließ auch mit ihrer Infrastruktur keinen positiven Eindruck auf uns.
Schmerzzunahme
Es rollte sich immer unbequemer für mich. Timo merkte mir das wohl auch an. Es half alles nichts, unser Ziel war zunächst Bad Iburg am Abend zu erreichen, um vernünftig einzukehren, uns zu stärken und eine Pause einzulegen. Trotz der Schmerzen kam mir unterwegs ein Plan in den Sinn.
Ich wußte nämlich nicht, was schlimmer ist. Die Schmerzen am Pöppes oder die Wettervorhersage. Denn für den nächsten Tag wurde heftiger Gegenwind vorausgesagt und Gegenwind ist mehr als fürchterlich. „Grausam“ fasst es ganz gut zusammen. Doch Nachts schwächt der Wind meist ab, sodass es möglicherweise von Vorteil wäre, soweit wie möglich durch die Nacht zu fahren, um diesen Widrigkeiten zu entgehen. Das war doch mal ein Plan, empfand Timo.

Ich war dennoch quasi fix und fertig, als wir endlich in Bad Iburg an der Pizzeria ankamen. Aber: ich bekam satte zwei Portionen Spagetti hinunter! Die waren zwar etwas laff, aber taten mir dennoch sehr gut. Meine Bedingung für die Fahrt in die Nacht hinein: dass wir uns eine Bank kurz nach Bad Iburg nehmen und ich dort einen Power-Napp machen würde.
Ich glaube, Timo hat gedacht, ich würde vollends einen am Kopf haben, war nicht ganz überzeugt, schlug aber dennoch ein. Als wir uns an einer schönen Hanglage in einer Schutzhütte setzten, fuhr ein Teilnehmer nach dem anderen an uns vorbei. Mittlerweile hatten wir auch die Führung verloren. Mir war es in dem Moment aber – noch – egal.
Die Magie eines Power-Napp
Ich setzte mich auf die Bank, steckte die Ohrstöpsel in den Gehörgang, packte mir den Schlafsack auf dem Schoss, damit die Beine warm blieben, zog die Kapuze über das Gesicht und machte die Augen zu. In zwanzig Minuten würde der Wecker gehen.
Der Anblick dürfte Timo ordentlich Zweifel an meinem geistigen Zustand kommen lassen. Doch ich döste weg, blendete alles aus, kam zur Ruhe. Und dann ging der Wecker.
Schlafsack in die Satteltasche gepackt, Trinkrucksack umgeschnallt und los ging’s. Kraft, Energie: alles wieder da. Timo meinte, ich wäre wie ausgewechselt gewesen, er hätte mich quasi tot gesehen. Durch meine Erfahrung weiß ich jedoch, was so ein gezielter Power-Napp bewirken kann. Das ist nicht einfach, aber erlernbar. Ich war natürlich froh, dass es auch diesmal wieder funktionierte.

Motivation und die Laune waren wieder da. Wir hatten jetzt die Lichter an und fuhren ins Dunkle hinein. Mal sehen, bis wohin wir es schaffen würden. Wir machten uns einen Spaß daraus und überlegten, wie wir wieder die Führung übernehmen könnten. Wir lachten, als wir uns verschiedene Szenarien ausmalten. Das vor uns fahrende Team war nicht weit weg und noch eine ganze Menge Kilometer zu fahren.
Insgeheim hofften wir, sie würden langsam mal eine Rast in einer der größeren Ortschaften einlegen. Lengerich und Tecklenburg flogen an uns vorbei. Über uns der Mond, der eine tolle Atmosphäre zauberte. Wir hatten die Straßen für uns. Auf einen Ohr hatte ich zur zusätzlichen Motivation Musik laufen. Es war wunderbar, ein ganz besonderer Augenblick.
Doch das Team vor uns hörte einfach nicht auf zu fahren. Dabei waren sie anscheinend an diesem Tag etwa 20 Kilometer vor uns in den Tag gestartet, hatten also ähnlich Schweres durchgemacht. Irgendwann mussten sie doch mal Pause machen. Der Blick auf die Karte bei Dotwatcher zeigte nichts dergleichen an.
Wilder Ritt durch die Nacht
So zog uns dieser sportliche Anreiz immer weiter durch die Nacht. Bei Rheine hatten wir bereits über 250 Kilometer und weit über 3000 Höhenmeter in den Beinen. Doch die „Verfolgung“ wollte nicht aufhören. Langsam fragten wir uns, was wir hier eigentlich machen? Sind wir bekloppt? Anscheinend.
Wir als zwei kleine Lichtlein in der Dunkelheit und endlose, schnurgerade Straßen im Nichts vor Bad Bentheim. Dazu ein Flickenteppich, bei dem ich mich gefragt habe, wieviele Jahrhunderte man eigentlich für sowas Kaputtes benötigt. Es war unglaublich. Die Rückmeldung meines Allerwertesten bestätigte es nur.
Immer noch keine Aufgabe vor uns. Es war kaum zu glauben, als wir plötzlich wieder in den Niederlanden waren. Und wieder die Frage: Was fahren wir hier eigentlich gerade? Was ist das Krasses, was wir hier gerade tun? Völlig absurd.

Plötzlich zwei Rücklichter in der Ferne! Das mussten sie sein. Jetzt waren wir dran und überlegten uns lachend, wie wir an dem Team vorbeifahren würden. Aerodynamisch im Auflieger liegend einfach vorbeiziehen? Winkend und fröhlich vorbeifahrend? Oder eine Zeitlang knapp dahinter bleiben, um irgendwann vorbeizuzischen? Natürlich nichts dergleichen, sondern freundlich grüßend sind wir vorbeigefahren, mit dem Wissen, der Weg ist noch weit.
Aber: Wer jetzt zuerst aufgab, der hatte verloren. Also hieß es, solange zu fahren, bis das andere Team endlich eine Pause einlegte. Völlig bekloppt. Aber anscheinend nicht nur wir. Die Hatz nahm kein Ende. Als wir kurz anhalten mussten, um die Akkus der Lampen zu wechseln, zogen sie wieder an uns vorbei. Irre, wir waren völlig irre, als wir uns erneut näherten, um wieder zu überholen. Ja, es war witzig, weil dieses Anstacheln uns prima durch die Nacht zog und uns die Strapazen etwas erträglicher machte. Doch kostete es schleichend Körner.
Irgendwo im Nirgendwo hatten wir uns einen kleinen Vorsprung herausgefahren, konnten aber nirgends lange halten. Der Ehrgeiz hatte uns gepackt und wir wollten nicht die Ersten sein, die gutsein ließen. Dabei wussten wir nicht einmal, ob das andere Team ebenfalls so ein Tamm-Tamm für die Führung hinlegte oder einfach nur ihren Stiefel fuhren, egal, an welcher Position sie waren. Sie das alles vielleicht gar nicht interessierte.
Kämpfen bis zu Umfallen
Der Blick auf den Radcomputer offenbarte noch rund 120 Kilometer. Das würde bei dem Tempo bestimmt noch rund sechs Stunden dauern. Waren wir wahnsinnig? Warum machten wir den Blödsinn? Es dämmerte bereits und wir stellten fest, dass wir bald bereits seit fast 24 Stunden im Sattel sitzen würden. Die Schmerzen bei mir nahmen dramatisch zu. Und jetzt machte sich bemerkbar, was ich niemals hätte machen sollen: Die Position im Sattel war viel zu stark gestreckt, der Nacken völlig überfordert. Doch es fiel mir einfach in dem Moment nicht auf. Ich musste anhalten und durchschnaufen.
Zudem kam jetzt die Müdigkeit rasant hinzu. Wir versuchten mit Koffein nachzuhelfen, doch es war ein echter Kampf. Aber jetzt noch irgendwo schlafen legen? Kam nicht infrage, in den Niederlanden lassen sich auf dem Lande eh keine Schutzhütten finden. Also weiter.
Es folgten die schlimmsten Kilometer beim ASA Epic. Die Eintönigkeit des platten Landes, der Schlafmangel, sowie Nacken- und Gesäßschmerzen. Eine Kombination, auf die man gut und gern verzichten möchte. Es wurden die zähesten Kilometer auf dem Rennrad, die man sich nur vorstellen kann. Gefühlt kamen wir überhaupt nicht voran. Die Nackenschmerzen wurden irgendwann das allergrößte Problem.
Irgendwo zwischen Deventer und Apeldoorn konnte ich den Kopf einfach nicht mehr hochhalten. Es war völlig absurd und unerträglich. Warum hielt ich nicht einfach an? Ich hätte es doch gekonnt? Warum tat ich mir das an? Ich kann es nicht sagen, aber der Gedanke, doch noch mal eine ordentliche Pause zu machen, kam mir einfach nicht in den Sinn. Die Schönheit des Veluwe Parks konnte ich gar nicht wahrnehmen, ich saß wie Quasimodo auf dem Rad. Es war fürchterlich, einfach übel.
Die Kilometer zogen sich wie Kaugummi. Timo versuchte mich zu pushen, es war fast vergeblich. Der Kopf sackte immer wieder einfach runter und ich musste mich stark zusammenreißen. Wie ich das ausgehalten habe, kann ich gar nicht sagen. Ich war wohl völlig benebelt.
Finisher & Gewinner
Dann ging alles so schnell. Plötzlich waren wir in Amersfoort und das Vereinsgelände lag zu unserer Rechten. Rauf auf das Gelände, Applaus, Timo und ich Arm in Arm auf dem Rad, wir waren im Ziel. Und dann war es vorbei. Einfach so. Vorbei. Mir schossen vor Schmerzen ein paar Tränen in die Augen. Der Nacken fühlte sich einfach nur noch nach Brei an. Meine Güte, ja, aber wir hatten es geschafft und beendeten als erstes Team das ASA Epic. Völlig verrückt. Alles. Von der ersten bis zur letzte Sekunde.
Dank geht raus an Wessel und Youri für die Orga, die Strecke, die Fotos und für das epische Erlebnis.
Hier geht es zur Website des ASA Epic.

Gravel, Bikepacking, Ultracycling und Rennrad. Das sind meine Steckenpferde. Ich liebe es in der Natur auf dem Rad unterwegs zu sein. Sei es auf entspannten Touren, bei sportlichen Herausforderungen oder eigenen Grenzen verschiebenden Events. Radfahren ist meine Leidenschaft. Sowohl als Hobby als auch beruflich.




























































6 Comments
Christoph RAMPENDAHL
Manchmal muss man einfach mal verrückt sein. Klasse Bericht, Tom. Hab ihn mit Spannung erwartet und beim Lesen richtig mitgefiebert! Glückwunsch!
bikingtom
Ja, das muss man. Da bin ich genau der Richtige für. 😉 Freut mich, wenn es dir gefallen hat!
Uli Benke
…und geschafft!! Dan ist zum Schluss alles andere vorher (fast) vergessen! Super Leistung! Wie laufen denn die Leeze 2.0 ?
Gruß Uli
bikingtom
Mit den Leeze bin ich vollauf zufrieden. Die haben sich richtig bewährt durch ihre Laufeigenschaften. Top und dann für den Preis.
Heldenkurbel
Grandios! Gratulation!
Ja der Nacken, mit dem bekomme ich auch am ehesten auf der Langstrecke Probleme. Und so ein Powernap ist wirklich fantastisch. Unglaublich, wie der die Kräfte mobilisieren kann.
Viele Grüße auch an Timo,
Markus
Gert
Sehr schöner, spannender Bericht und was eine Leistung!
Und die Schnösel-Autofahrer … ich weiß genau wie der war.