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MOMENTE

rideFAR. Rideforareason. Auf geht’s.

Manchmal sind verrückte Ideen die Besten. RideFAR von ORBIT360 ist da so eine. Oder viel mehr ist es das, was ich und Chris draus gemacht haben. Ich hatte es schon länger vor, für Chris war es eher kurzfristig. Sehr kurzfristig. Aber von vorne.

ORBIT360 ist in der Gravel- und Radfahrszene mittlerweile ein Begriff. Die Challenge, wo jeder quasi für sich alleine in Corona-Zeiten in fast jedem Bundesland einen „Orbit“, eine festgelegte Route fahren und dabei in ein Ranking gelangen konnte, ging im letzten Jahr durch die Decke und war ein voller Erfolg. Jetzt gibt es eine neue „Challenge“. In einem festgelegten Zeitraum im Februar/März fährt man entweder 180 Kilometer oder sogar 360 Kilometer im Uhrzeigersinn. Die Strecke kann jeder frei für sich planen. Nach der Registrierung und einer Spende in selber festgelegter Höhe für einen guten Zweck ist man auch schon qualifiziert.  Die gefahrene Tour wird öffentlich hochgeladen und man kommt in ein Ranking. Im Grunde eine einfache Idee, aber cool umgesetzt. Daher habe ich mich bereits vor einiger Zeit für dieses rideFAR – rideFORAREASON – angemeldet. Mit dem Ziel 180 Kilometer zu absolvieren. 360 Kilometer waren mir jedoch um diese Jahreszeit dann doch noch zu früh.

Rund eine Woche vor meinen mir vorgenommenen Start habe ich meine Jungs von den Gravelboyz gefragt, ob nicht einer von ihnen da Bock hätte den rideFAR von Oribit360 mitzufahren. Doch die Wetteraussichten waren mehr als bescheiden. Regen und Orkanböen waren angesagt, da kann ich verstehen, dass da schnell abgewunken wurde. Auch ich hatte arge Zweifel an meinem Vorhaben. Mein Plan war es in der Nacht von Samstag auf Sonntag zu fahren, eine „leichte“ Runde mit hohem Asphalt-Anteil. Meter machen war angesagt. Doch je näher mein angepeilter Startzeitpunkt kam, desto frustrierter wurde ich. Da half auch nicht das fast schon permanente beobachten der verschiedenen Wetter-Apps in der Hoffnung das eine davon mir eine bessere Wetterlage in Aussicht stellte. Meine Mundwinkel hingen tief links und rechts herunter.

Auch auf Twitter erklärte ich in einigen launischen Tweets mein Aus für rideFAR an diesem Tag. Im Grunde hatte ich das Thema also dann durch. Nur um eine letzte Bestätigung von einem Freund zu bekommen, dass das alles sowieso und echt eine Schnapsidee wäre bei den Verhältnissen zu fahren, schrieb ich Chris per WhatsApp an. Es war 21 Uhr. Wie spontan er denn wäre, um drei Uhr in der früh 180 Kilometer zu fahren? Seine Antwort kam prompt: „Hast du getrunken?“. Ich versicherte ihm, das ich stocknüchtern wäre. Dann telefonierten wir und ich erklärte ihm kurz den Plan. „Okay, dann stelle ich die Flasche Wein vor mir, die ich gerade öffnen wollte, wieder ins Regal zurück und bin um drei Uhr da!“ Oh. Verdammt.

Es gibt nicht viele Freunde, die so komplett bekloppt sind und solche Aktionen mitmachen. Chris gehört definitiv zu dieser Spezies! Jetzt gab es kein Zurück! Die Wettervorhersage spielte plötzlich keine große Rolle mehr. Nach dem Telefonat ging es schnurstracks in den Keller, um das Rennrad flottzumachen. Ich war anscheinend völlig unkontrolliert unvorbereitet. Die Gedanken sprangen hin und her. Was mitnehmen, anziehen und einpacken? Schnell noch die Kette ölen, die kleine Saddlebag montieren. Was habe ich vergessen? Was wird heute Nacht passieren? Der Wind! Ach du Sch…! Gegenwind ohne Ende! Das wird hart! Verdammt hart! Was habe ich mir nur dabei gedacht? Hätte ich nicht einfach ein anderes Wochenende im März nehmen können? Wie blöd muss ich eigentlich sein? Noch vier Stunden bis Chris da sein wollte…

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Dunkel, aber gute Laune. Verrückt muss man sein.

Irgendwie völlig im eigenen verschuldeten Stress gefangen wälzte ich mich im Bett hin und her. Es war kein Schlaf, es war höchstens Dösen. Tausend Gedanken, die mir durch den Kopf schossen. Nicht greifbar, dazu gab es immer neue Synapsen in meinem Gehirn. Eine Aufregung wie bei einem kleinen Kind vor Weihnachten. Als der Wecker ging, war ich völlig platt. Und als ob das noch nicht genug war, klingelte das Smartphone, als ich es sitzend auf dem Pott einschaltete. Es war Chris, der bereits unten vor der Tür stand! Zusammengefasst: Es herrschten leicht chaotische Verhältnisse. Die besten Voraussetzungen für solch eine lange Tour mit Start mitten in der Nacht und nur einem kleinen Joghurt zum Runterwürgen als Frühstückchen. Um Punkt drei Uhr, und ich meine wirklich Punkt drei Uhr, fuhren wir tatsächlich los.

rideFAR gehört schon jetzt zu den besten Entscheidungen des Jahres!

Wir befanden uns nun auf dem einige Tage zuvor von mir geplanten Track und begaben uns in die Fänge der dunklen, unvorhersehbaren  Nacht. Und dieses rideFAR-Ding zu fahren gehört schon jetzt, soviel sei verraten, zu den besten Entscheidungen dieses noch jungen Jahres!

Es ging zunächst in Richtung Duisburg. Über breite Straßen, die man tagsüber sonst niemals freiwillig mit dem Rad befahren würde. Es war nichts los. Noch weniger sogar, als ich vermutet hatte. Nebeneinander zu fahren war kein Problem. Im Schein der Laternen glitten wir ruhig durch die Straßen der Nacht. Wir unterhielten uns über dies und das, mussten über unser Vorhaben lachen und waren dann auch schon über die „Brücke der Solidarität“ auf die andere Rhein-Seite gelangt.

Hier begann das quasi platte Land. Es wurde noch ruhiger. Die riesige Anlage einer Entsorgungsgesellschaft war mit Flutlichtstrahlern  angeleuchtet. Das sah sehr imposant aus, als wir so direkt daneben herfuhren. Der Gegenwind war bisher erstaunlicherweise moderat geblieben. Zwar spürbar, aber nicht so, dass man zu viel Körner verbrauchte. Vom Regen war ebenfalls keine Spur zu entdecken. Was war da los? Bloß nicht weiter nach suchen, sondern den rideFAR genießen. Und Chris und ich hatten eine Menge Spaß. Und zu erzählen. Und noch mehr Spaß.

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Mystische Stimmung.

Elfrath und kurz darauf den Hülser Bruch ließen wir hinter uns. Sehen konnten wir davon nichts. Wir waren auf freiem Feld unterwegs. Plötzlich schimmerte in einiger Entfernung ein kleines Licht. In einer kleinen Feldkapelle brannte eine dieser roten Grabkerzen. Die Atmosphäre war majestätisch und ehrfurchtsvoll. Diesen Moment empfand ich sehr beeindruckend. Ein kleines Licht in der Dunkelheit sorgte für einen Moment der Besinnung.

Mit diesem Eindruck fuhren wir weiter über gut asphaltierte Feldwege, während die Dämmerung immer näher rückte. Die Stirnlampe würde nicht mehr lange ihren Dienst tun müssen. Kempen passierten wir südlich der Stadt. Langsam machte sich doch Hunger bemerkbar. Die Beine waren aber noch ziemlich gut. Überhaupt fühlte sich das Radfahren ziemlich prima an. An einem Autohaus vorbeifahrend sagte ich zu Chris: „Wo es Autos zu kaufen gibt, da ist eine Tankstelle nicht weit!“ Und so war’s. Zum Frühstück gab’s somit das perfekte Tankstellen-Leben, denn die Croissants waren wirklich gut!

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Die Pause an der Tankstelle bei Dämmerung tat gut. Es wurde aber auch kalt.

Durch die kleine Pause wurde uns allerdings kalt. Sehr kalt. Bisher war uns das gar nicht beim Fahren aufgefallen. Vier Grad Celsius waren nicht gerade als warm zu betrachten. Als wir wieder auf die Räder stiegen, hatten wir kalte Hände und fröstelten ordentlich durch. Brrrrrr…jetzt wäre ein Berganstieg ganz hervorragend gewesen. Es war jedoch flach wie in einer Pfanne. Es dauerte eine ganze Weile bis es uns wärmer wurde.

Ein ganz besonderer Moment des rideFAR war auch der Part durch den Brachter Wald. Ich hatte bei der Planung gar nicht genau hingeschaut, dass dieses große Gebiet mal ein Munitionsdepot war. Die Natur erobert sich hier ihren verdienten Teil zurück. Von der Rennrad-tauglichen Asphaltstraße gingen viele Schotterwege links und rechts ab. „Da muss ich nochmal hin“, ging es mir durch Kopf. Als wir dort einfuhren, ging die Sonne langsam zwischen den Wolken auf. Eine wunderbare friedliche Stimmung lag über dem Gebiet. Ich war ganz gefangen in diesem Moment und wegen der tollen Farben am Firmament.

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Schnurgerade ging es vorwärts. Heidelandschaft und Kiefernwälder überall. Dazwischen ein paar kleine bauliche Relikte, die erkennen ließen, dass dieses Gebiet früher mal anders genutzt wurde. Dann fuhren wir um eine Ecke herum und urplötzlich sprang eine Herde Rehwild erschrocken über die Straße! Darunter sogar ein Albino! Wow! Abgefahren! Das spielte sich in Sekundenschnelle ab. Zum Glück hatte ich genau in dem Moment das Smartphone parat in der Hand. Was ein Glück.

Berauscht verließen wir das Naturschutzgebiet. Nach ein paar Kilometern auf einsamster Landstraße erreichten wir im Hellen die Grenze zu den Niederlanden. Das Fahrradparadies schlechthin. Und: überall Ruhe und Einsamkeit. Roermond lag vor uns, wir passierten nur das Ortsschild, um direkt danach gen Norden in Richtung Venlo abzubiegen. Schöne Straßen entlang des sich manchmal zeigenden Flusses Maas brachte Laune.

Wir flogen dahin. Die Kilometer merkten wir gar nicht in den Beinen. Feiner Regen setzte mal kurz ein, war aber ganz schnell wieder weg. Nur kurz vor Venlo wurde es etwas feuchter. An einem noch menschenleeren Supermarkt wurden wir für ein kleines Frühstück fündig. Doch viel besser war, das uns der nette ältere Herr in der Backstube in den Vorraum an den Stelltisch  hinein ließ. „Aber pssst, das ist hier eigentlich nicht erlaubt. Corona…Sie wissen ja.“ Er zwinkerte. „Wo kommt ihr eigentlich her?“ Ich erklärte ihm, was wir hier gerade für eine Tour veranstalteten. Er hob den Daumen und war sichtlich erstaunt.

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„Wissen Sie eigentlich, dass hier in den Niederlanden momentan Nachts eine Ausgangssperre besteht?“, fragte er uns. Ups. Nö. Das wussten wir nicht. Zum Glück war diese Ausgangssperre zu dieser Uhrzeit aufgehoben. Erwischt, wie zwei kleine Jungs beim Bonbon-Klau, nippten wir an unserem Kaffee und mümmelten an unseren Croissants. Plötzlich kam dieser nette Herr wieder und brachte uns zwei frisch geschälte Clementinen. „Ihr müsst euch etwas stärken!“, zwinkerte er uns zu. Momente, wie dieser, lassen solche Touren wie rideFAR oder andere noch mehr zu etwas ganz Besonderen werden. Kleine zwischenmenschliche Augenblicke, die einen Strapazen und Entbehrungen schnell vergessen lassen und einen viel mehr bringen, als man es in Worten ausdrücken kann. Eindrücke und Erlebnisse, die im Gedächtnis bleiben.

Nach der Stärkung fuhren wir zügig aus Venlo hinaus. Flache, lange gerade Straßen ließen uns schnell vorwärtskommen. Doch anscheinend waren wir nicht zu schnell, denn jetzt holten uns dann doch die Regenwolken ein. Es wurde eindeutig feuchter auf dem Rennrad. Unser Equipment war jedoch prima auf diese Verhältnisse eingestellt. Hatten wir doch mit wesentlich mehr Weltuntergangsstimmung gerechnet.

Straelen ließen wir links liegen und schwenkten danach gen Osten ein. Wir konnten es immer noch nicht glauben, dass auf diesen breiten Landstraßen so gut wie kein Auto unterwegs war. Nur wir, das Surren der Ketten und die Natur. Entweder hatte die Menschheit sich wegen der angeblichen Orkanböen und sintflutartigen Regenfälle eingeigelt oder wir waren kräftig mit Glück gepudert worden. Zumindest war es herrlich. Richtig herrlich. Schon fast geil. Okay, es WAR geil! Rideforareason – genau so!

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Irgendwo war Regen. Selten bei uns.

Bis zu dem Moment, wo ich kurz vor Rheurdt plötzlich anfing rumzueiern. Also mein Hinterrad. Plattfuß. Und jetzt ein TUSCH, bitte! Nach rund 5000 (!) Kilometern mit dem Rennrad der erste Platten!!! Weltpremiere!!! Die gute Laune ließ ich mir nicht nehmen. Alles Notwendige hatte ich dabei. Der Plattfuß war daher schnell behoben und es ging weiter. Schande über mein Haupt, aber ich mag diese kleinen CO2-Katuschen,  die mir dreihundert Hübe mit der Mini-Pumpe ersparen.

Südlich von Kamp-Lintfort, vorbei an der Deponie Eyller Berg und bald darauf am Baggersee Laakmannshof kamen wir nach Duisburg-Baerl. Wir fuhren an einer Bäckerei vorbei, die Sonne schien freundlich hinter ein paar Wolken hervor. Hmmmm…etwas Hunger ließ sich nicht leugnen und wir drehten um. Etwas Süßes kam jetzt richtig gut. Und jetzt war es auch Zeit sich der Regenhose zu entledigen. Es wurde mir da drin zu warm.

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Tee gefällig? Luxusgefühl für Chris.

Kurz vor der A42-Brücke erwischte es mich erneut. Wieder einen Platten! Boah, konnte ja wohl nicht wahr sein, oder? Erst auf 5000 Tausend Kilometern nix, jetzt im kurzen Abstand zweimal. Da musste dann diesmal ein Flicken herhalten. Der war gefühlt etwas zu breit für den schmalen Rennradschlauch. In der Hoffnung, der würde trotzdem gut halten, fuhren wir über die Rheinbrücke. Dort hatte uns der Ruhrpott zurück. Langsam wurden wir dann doch müde. Ich fantasierte davon, was ich alles zu Hause essen würde. Tafeln an Schokolade, Sahnetorten-Berge, Mettwürstchen…alles, was mir vor die Futterluke kommen würde. Wir mussten lachen.

Die letzte Pause machten wir im Landschaftspark Duisburg. Bei dem schönen, ja schönen (!), Wetter waren dort einige Spaziergänger unterwegs. Wir waren wieder in der Zivilisation und setzten uns auf die frei stehenden Fahrradständer, kauten an dem letzten Proviant herum und genossen die Sonnenstrahlen. Wir hatten alles richtig gemacht. Es war nicht mehr weit bis zum Ausgangspunkt.

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Letzte Pause am LaPaDu.

Anstatt auf der Couch oder im Bett zu versauern, haben wir dieses kleine Micro-Adventure erfolgreich absolviert. Die tollen Momente, Gespräche und Lachanfälle waren für uns das Salz in der Suppe, das für uns rideFAR ausgemacht haben. Das richtige Zeitfenster abgepasst – okay, da war verdammt viel Glück dabei, habe ich ja gesagt – war es 110%ig die richtige Entscheidung gewesen uns auf diese Geschichte einzulassen.

Keine Ahnung, ob das jetzt wirklich für’s Ranking bei rideFAR als Solo-Fahrt zählt, das muss ich am Ende gestehen. Zu kurzfristig in der Nacht für Chris, hatte er es nicht mehr geschafft vor lauter Aufregung sich noch anzumelden. Er hätte es sonst getan. Chris ist da eine ganz ehrliche Haut, so kenne ich ihn. Wenn’s nicht regelkonform war, dann sorry. Regeln sind nun mal Regeln. Das soll aber niemanden abhalten davon, sich auf solche kleinen und großen Abenteuer einzulassen.

Danke, Orbit360

Die Geschichte, die sich die Jungs von Orbit360 erneut mit viel Liebe und Herzblut da ausgedacht haben, ist ganz wunderbar. Menschen dazu zu bringen eigene Grenzen auf dem Rad zu überwinden, dadurch zwangsläufig unvergessliche Augenblicke zu kreieren und noch tolle soziale Projekte dabei zu unterstützen. Das ist großartig. Einfach nur großartig. Danke dafür.

Alle Infos zu rideFAR findet ihr auf der Homepage von Orbit360

Hier findet ihr meinen Bericht zum ORBIT360 NRW im Sommer 2020

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