Von alten Autobahnen und anderen Lost Places
Für mich üben Lost Places eine Faszination aus. Plätze, an denen früher reges Treiben und Leben herrschte, heute verloren und einsam, oftmals im Verborgenen liegend und morbiden Charme versprühend. Bestes Revier für einen anständigen Gravelride.
So machte ich mich mit meinem Gravelbike auf, um auf recht kurzer Distanz einige Lost Places aufzusuchen. Und alle hängen sie auf eine Art miteinander zusammen. Grund ist der Tagebau Hambach, der mich auf der Tour stets begleitete. Anstatt diesmal durch die Gegend zu ballern, hatte ich extra eine Kamera eingepackt, man weiß ja nie 😉
Und das sollte sich lohnen. Start war am Bahnhof in Horrem. Nach langen Tagen des Leidens, ob des schlechten Wetters, war die Prognose für den Tag zumindest mit leicht sonnigen Abschnitten und eventuellen kurzen Schauern nicht ganz so schlecht. Immerhin.
Geschichtsträchtige Region
Zum Einrollen führte mich die Runde zunächst vorbei an Habbelrath, den Quarzwerken Frechen und zur früheren Grube Carl. Heute ist dies ein Stadtteil, doch 1867 wurde dieses Gebiet erstmals als Braunkohlerevier deklariert und es entstand eine Brikett-Fabrik, die bis 1995 im Betrieb war. Die damaligen Abraumhalden sind in der Gegend noch zur erahnen. Die alten, unter Denkmalschutz stehenden Fassaden bekamen eine neue Bestimmung: schicke Loftwohnungen entstanden in den alten Gebäuden, die weitere Wohnbebauung ringsherum nahm zu, die Gegend wurde als Lebensraum wieder attraktiver.
Ein Stück weiter, auf schönster Schotterpiste zwischen noch brachliegenden Feldern lag das Marienfeld. Herrlich zu fahren, doch das Aussehen wirkte etwas künstlich. Kein Wunder, dies ist heute nämlich Teil des rekultivierten Tagebaus Frechens. Der Abbau fand zwischen 1952 und 1986 statt und es mussten einige Dörfer weichen. Über 6000 Menschen mussten ihre Heimatdörfer verlassen und wurden umgesiedelt. Nach dem Förderende begann der Umbau, dessen Arbeiten 2004 beendet wurden. Der größte Teil wird heute landwirtschaftlich genutzt.
Wem der Name Marienfeld in dem Zusammenhang irgendetwas sagt, hier eine kleine Hilfe: auf dem Marienfeld hielt Papst Benedikt XVI auf dem eigens angelegten „Papst-Hügel“ die Abschlusskundgebung des Weltjugendtages 2005 ab.
Zwischen den Örtchen Ahe und Heppendorf fegte mir der Wind auf freier Fläche mitten ins Gesicht. Und wenn ich etwas nicht mag, dann ist es dieser freche Gegenwind, der dir ohne Gnade die Körner mopst. Schon von weitem konnte ich die ersten Umrisse der Ungetüme von Schaufelradbaggern sehen. Am Rande der dort verlaufenden Straße konnte ich direkt in den Schlund der Erde blicken. Ob notwendig oder nicht, was der Mensch anrichten kann, ist manchmal mit einem bitteren Beigeschmack versehen.
Lost Place Autobahn
Wenige Meter später stand ich dann auf der alten Autobahn A4. Wo einst unzählige Autos rauschten und Radfahren undenkbar war, stand ich jetzt mutterseelenallein neben den alten Leitplanken und auf dahinvegetierenden morbiden Asphalt. Dass Metalldiebe hier noch etwas stehengelassen haben, wunderte mich. Wahrscheinlich ist das Blech nicht wertvoll genug.
So fuhr ich bis zu einer alten Brücke, die über der Autobahn gespannt war und weder nach links noch nach rechts führte. Ein echter Lost Place. Sie stand da einfach wie ein Block. Danach kam ein Abschnitt, der nur noch aus Bausand bestand. Zahlreiche große und kleine Pfützen machten den Sand tief zu fahren. Einfach zu graveln war das nicht.
Dann kam der Hambacher Forst, direkt neben dem Tagebau Hambach gelegen und über Jahre Schauplatz von Auseinandersetzungen zwischen Umweltaktivisten, Politik, Industrie und der Polizei. Grund: seit den 1970er Jahren frisst sich der Tagebau immer mehr in die Landschaft, vernichtet Wälder, Flora und Fauna. Der Braunkohleabbau ist generell nicht die ökologischste Variante zur Energiegewinnung.
Müllhalde Hambacher Forst
So formierte sich eine Widerstandsbewegung, der Hambacher Forst wurde zum Symbol von einem Kampf gegen den Kohleabbau, der mit harten Bandagen geführt wurde. Ob vor Gericht oder mit Besetzern des Waldes in Baumhäusern, die für die Staatsmacht nur schwer zu erreichen waren. Nachdem bei einer Großdemonstration im Jahre 2018 mit rund 50000 Teilnehmern der Konflikt auf einen Höhepunkt zugesteuert war, stoppte das Oberverwaltungsgericht für NRW die Räumung des Gebietes. Zwei Jahre später vereinbarte die Bundesregierung den Kohleausstieg.
Klingt spannend, war es sicherlich auch. Doch es gibt immer zwei Seiten der Medaille. Und die der sogenannten Umweltaktivisten glänzt nur bedingt. Denn zum Zwecke des Baus von Barrikaden wurde allerhand Material in den Wald gekarrt, um das Organ der Polizei abzuschrecken und die Räumung weiter zu verzögern.
Sicherlich nicht umweltgerecht liegt der ganze Schrott immer noch im Wald, ist der Verrottung preisgegeben und wirft kein gutes Licht zumindest auf einen Teil dieser Menschen, die sich eigentlich für die Natur einsetzten. Wo waren sie, als der Spuk ein Ende hatte, um den ganzen Mist wieder aus dem Hambacher Forst zu entfernen? Keine Lust aufzuräumen gehabt? Oder ging es denen (einzelnen) vielleicht nur um den Krawall an sich? Scheiß auf den Staat! Heute kloppen wir uns im Wald, morgen irgendwo auf der Straße, Hauptsache auf die Fresse und immer gegen die da oben?
Ehrlich, was sich da auf dem kurzen Stück im Wald für menschliche Abgründe auftaten, ließ mich nachdenklich weiterfahren. Da hat sicherlich ein kleiner Teil der Aktivistiten dem eigentlich ehrenwerten Anliegen des Großteils der Menschen einen Bärendienst erwiesen.
Trotz allem, war dies ein höchst interessantes Gebiet. Alte Auf- und Abfahrten ins Nirgendwo, Straßenmarkierungen, die sich die Natur mit stacheligen Ranken zurückerobert, Geschwindigkeitsschilder, die niemanden mehr Vorschriften machen. Und am Ende das unweigerliche Loch, dass sich bereits viele Meter der alten Autobahn skrupellos einverleibt hat.
So spuckte mich der letzte Rest vom Hambacher Forst aus, entließ mich ins nächste Dorf. Morschenich der Name. Ebenfalls nur wenige Meter vom Tagebau entfernt. Ein verlassener Sportplatz, auf dem das Gras meterhoch wuchert, die Tore keine Tore mehr kassieren werden und die Umkleiden keine schwitzenden und stinkenden Spieler ertragen müssen.
Graveln durch verlassene Orte
Die Fenster der Häuser mit Spahnbrettern vernagelt, als ob sie den nächsten Sturm überstehen müssten. Die Vorgärten unordentlich, Wildwuchs überall. Nur in der hinter Letzten Ecke des kleinen Dorfes standen noch zwei, drei Autos vor den Häusern. Wieso, weshalb, das werden wir nie erfahren. Ein lebenswerter Ort? Heute nicht mehr. Auch, wenn der große Bagger es nicht mehr bis hierhin schaffen wird. Doch noch wird abgebaut. Sag also niemals nie. Die Politik ist bekannt dafür, sich wie ein Fähnlein im Winde drehen zu können.
Durch das friedliche Wäldchen „Die Bürge“ gravelte ich weiter. Ein schönes Stück Natur. Auffällig künstlich aufgrund der Anordnung der Bäume, aber wirklich schön zu fahren. Und zack, da war sie wieder, die alte Autobahn A4. Ich musste über eine ihrer alten Autobahnbrücken und schaute von oben hinunter auf das dahinsiechende Asphaltband. Es war Sand aufgeschüttet. An den Rändern wurde er vom Wind auf die Piste verweht. „So muss die Apokalypse aussehen“, dachte ich. Die letzten Reste der Menschheit. Passenderweise, wie sollte es auch anders sein, wären das natürlich Bruchstücke einer autofossilen Vergangenheit.
Tagebau Hambach, das Loch
Mein weiteres Ziel war der Aussichtspunkt „Ein Haus am See“ mit Blick in das riesengroße Loch des Tagebau Hambach. In ferner Zukunft soll der Schlund mit Wasser geflutet werden und ein Erholungsgebiet entstehen. Clever, den kleinen Aussichtspunkt, bestehend aus ein paar wenigen Metern Treppe, jetzt schon zukunftsfähig zu machen. Heute noch zwischen Kohleverladung und Abgrund gelegen. Zukünftig mit Mega-E-Rollern fast schwebend über eingebaute Magnetstreifen im Asphalt zu erreichen. Zukunftsmusik.
Der Ausblick war in der Tat gigantisch. Der Weitblick faszinierend. Regenwände türmten sich auf, direkt daneben gab es blauen Himmel zu sehen. Unter den Regenwolken im gräulichen Nass die Kraftwerke in ihrer Tristigkeit zu erkennen. Neumodische Windräder hielten wie zum Protest ihre Rotorblätter hoch. So als ob sie sagen wollten: Tagebau! Bis hierher und nicht weiter! Wir sind die Zukunft, du Relikt aus alter Zeit! Ja, der Ausblick war faszinierend.
Von hier aus ging es in einem Bogen über die Ortschaft Ellen und vorbei an Merzenich in Richtung neuer A4. Ja, genau, richtig gelesen. Nur ein kleines Stück weiter verläuft heute ein neues Stück Autobahn. Der 13 Kilometer lange Streckenabschnitt wurde wegen des Tagebaus zwischen 2008 und 2014 erbaut und der alte Abschnitt verkam zur Geisterautobahn. Schon in den 1990er Jahren gab es für die Umverlegung Pläne. Außerdem wurden direkt neben dem neuen Autobahnabschnitt Gleise der RWE-Werksbahn (Hambachbahn) für den Abtransport der Kohle verlegt.
Kilometerlang kann man relativ gut oberhalb der Schienen auf einen schönen Schotterweg mit dem Gravelbike entlang donnern. Über leicht zu fahrende Wege zwischen den Feldern ging es weiter. Zwischen den Regenwolken in offener Landschaft. Sonne und Regen prallten aufeinander. Wie ein Vorhang waren die kurzen Güsse, die mich zum Glück nicht trafen. Dafür boten die Sonnenstrahlen dann ihr Schauspiel an, die an den Wassertropfen brachen und einen sensationellen Regenbogen formten. Wow! Mutter Natur ist überwältigend. War das jetzt das schöne Ende der Tour? Wie im kitschigen Film, wo es heißt: Ende gut, alles gut?
So muss die Apokalypse aussehen
Mitnichten. Das nächste verlassende Dorf pflasterte meinen Weg. Ich landete in Manheim. Schon von weitem sah ich den Kirchturm von St. Albanus und Leonhardus. Hier gehen jedoch sicher keine Gläubigen mehr sonntags in die Messe. Die großen Fenster mit Brettern verrammelt. Genau, wie überall an den Häusern. Gespenstische Stille. Ein paar Tauben gurrten noch oben auf dem Dach des Kirchenschiffes.
Wenn die Endzeit ein Aussehen hat, dann so. Dem Verfall preisgegeben und dem Abriss durch den Tagebau Hambach geweiht, die Häuser sind für niemanden mehr eine Unterkunft. Wo früher gelacht und gefeiert, getrauert und geweint wurde, einfach das Leben stattfand, war jetzt…Stille.
Hausruinen überall oder selbst die nicht mal mehr. Denn das einst dort noch mehr Häuser gestanden haben mussten, konnte ich nur noch anhand der Straßenlaternen erkennen, die wie an einer Schnur gezogen auf flachen Gelände standen. Die letzten Reste des Dorfes. Stumme, erloschene Zeugen aus längst vergangenen Tagen.
Der Tagebau, sowohl der noch heutige als auch der aus vergangener Zeit, war in der Region allgegenwärtig. Diverse Kieswerke und Abraumhalden, als auch in der Ferne manchmal die Kraftwerke des Energieriesens RWE waren immer irgendwie präsent. Wegkreuze, die um Schutz baten, liessen sich ebenfalls an einigen Feldwegen finden. Dieses Ganze machte diese Graveltour so interessant.
Durch den Bürgerwald Steinheide, über eine kleine „Schotter-Brücke“ der neuen A4 mal rechts überquerend und kurz darauf nach links unterquerend, kam ich nach Sindorf. Ich fragte mich, wie viel Menschen in dem Örtchen noch vom Tagebau leben? Wahrscheinlich gar nicht so wenige.
Kurz darauf, die Erft passierend, war ich auch schon wieder am Start/ Ziel-Punkt angelangt. Ein kleiner Regenguß direkt am Bahnhof, die Abendsonne aber noch im Nacken, zauberte noch einmal einen satten Regenbogen. Und das ganz nah! So nah war ich noch nie einem Regenbogen gewesen. Es heißt, am Ende eines Regenbogens befindet sich ein Topf voller Gold. Ich konnte das Ende wirklich sehen, fast sogar greifen! Einen Topf war dort jedoch nicht.

Das Equipment auf meiner Tour
- natürlich darf für so eine Tour ein Navi nicht fehlen. Ich setze dabei auf den unkompliziert zu bedienenden Wahoo Elemnt Roam V2. - Ein bisschen Schmackofatz, sprich Energiezufuhr, braucht es auch. So lecker wie Gummibärchen sind die Powerbar Shots, die es in verschiedenen Geschmacksrichtungen gibt. - Dreck am Stecken? Nicht mit mir. Bei Matsch helfen die schnell an die Sitzstreben anklippbaren Assaver Win Wing-Schutzbleche,um den Dreck vom Rücken fernzuhalten. Weitere Infos zu meinem Equipment findest du auf dieser Seite.
Die Tour zum Download
Tipp: In der Ecke, in der ich bei diesem Gravelride unterwegs war, gibt es noch eine ganze Reihe an sehenswerten „lostigen Plätzen“. Wer die Augen aufhält und vielleicht auch mal etwas von der Route abweicht, entdeckt mit Sicherheit noch weitere Relikte. Viel Spaß.

Gravel, Bikepacking, Ultracycling und Rennrad. Das sind meine Steckenpferde. Ich liebe es in der Natur auf dem Rad unterwegs zu sein. Sei es auf entspannten Touren, bei sportlichen Herausforderungen oder eigenen Grenzen verschiebenden Events. Radfahren ist meine Leidenschaft. Sowohl als Hobby als auch beruflich.


































































6 Comments
Ola
Sehr schöner Artikel und feine Bilder.
b.uli
…ganz nach meinem Geschmack! Die Strecke wird mal gespeichert!
Marc
Sehr schöner Artikel. Ich persönlich empfinde auch immer eine unerklärliche Faszination für Lost Places. Wenn ich lange verlassene Gaststätten, Krankenhäuser oder Hotels beim Radeln entdecke frage ich mich oft, wie es hier wohl ausgesehen hat vor 10, 20, 30 Jahren.
Nico
Schön und atmospherisch erzählt und gute Fotos!
Dirk B.
Sehr geiler Bericht und tolle Bilder !! Die Strecke habe ich schon heruntergeladen..
Thorsten Lajdych
Schöner Artikel wie immer. Die Tour wird in 2024 gefahren. Danke dir