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Der SuperBerlinExpress 2022 – Ein Sommermärchen

Dieser Bericht könnte ein paar mehr Zeilen enthalten als gewohnt. Das hat einen guten Grund. Denn der SuperBerlinExpress 2022 verdient es, in allen Nuancen erzählt zu werden. Zu viel ist passiert. Von grandiosen Momenten bis hin fast zur Aufgabe. Er erzählt die Geschichte von menschlicher Wärme, Gastfreundschaft und das Einlassen auf wildfremde Menschen. Wo sich drei Menschen als Trio gefunden haben und über sich hinausgewachsen sind. Und sich am Ende alle Puzzleteile zusammengefügt haben zu einer fantastischen Geschichte. Lest sie entweder durch oder teilt sie euch in mehrere Teile ein. Aber lest sie! Unbedingt! Hört die Music-Playlist dabei, die ihr am Ende des Berichts findet, fangt an zu träumen von einem Ticket für den SBE und einem irren Sommermärchen!

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Die Passagiere des SuperBerlinExpress! Foto: Rick Rider

Freitag morgen, halb sechs Uhr, Hamburg. Ich stehe an der Alster mit meinem Rennrad, welches optimiert ist für’s Bikepacking beim SuperBerlinExpress 747. Ein wolkenloser Morgen, die Sonne scheint es gut zu meinen. Ich bin der erste Fahrer, der am Startpunkt an der Alsterwiese Schwanenwik steht. Das Coffee-Bike der Supporter-Crew wird gerade erst aufgebaut. 

Ich habe noch eine Rechnung offen mit diesem Event. Der SBE747 fasziniert mich, seitdem ich davon gehört habe. Immer wollte ich dieses Ding mal fahren. Ein Long Distance Alley Cat. In dem Fall einmal Hamburg – Berlin und zurück. 747 Kilometer, um eine Spokecard in Berlin zu finden und zurück nach Hamburg zu bringen. Was für ein Wahnsinn. 

Startpunkt Alsterwiesen

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Ich erinnere mich an meinen ersten Versuch im letzten Jahr den SBE zu fahren. Kläglich gescheitert am Ende in Potsdam, aber trotzdem um einige Erfahrungen reicher. Damals habe ich mit Chris, den ich während der Fahrt kennengelernt habe, beschlossen, dieses Event noch einmal anzugehen. Wir wollten es schaffen!

Leider kam es anders, als geplant und ich stehe nun alleine am Start. Trotzdem voller Vorfreude, voller Elan und großer Motivation. Mein zurechtgelegter Plan: Ausstieg dieses Jahr nicht möglich. Punkt. Irgendwie würde ich das Ding zu Ende fahren. Komme, was wolle. Ich habe mir eine Marschtabelle angelegt, die mir viel Hilfe bieten würde.

Rick, der legendäre Organisator des SBE, trifft ein. Wir quatschen ein bisschen, bis immer mehr Teilnehmer auftauchen. Auch die Legende himself, Harald Legner, der den Hashtag #legnern weit über die Grenzen Hamburgs hinaus bekannt gemacht hat, erscheint. Schön, ihn endlich mal persönlich zu treffen.

Der Kaffee ist fertig, Balsam für die noch müden Körper. Doch die Spannung und Aufregung sind bereits spürbar. Der Start ist quasi fliegend, jeder fährt los, wann er möchte. Die meisten natürlich sofort nach dem obligatorischen Startfoto. Schön, dass diesmal auch ein paar Frauen am Start sind und sich auf diese Geschichte einlassen.

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Eine Extra-Klasse des SBE! Frauenpower! Toll! Foto: Rick Rider

Auch ich starte direkt nach dem Foto. Es geht in einer relativ großen Gruppe erst einmal über die Straßen der Großstadt, hinaus Richtung schönerer Landschaft und einsamerer Wege. Schnell zieht sich das Feld in die Länge und reißt irgendwann auseinander. Jetzt beginnt das eigentliche Fahren. 

Vereinzelt trifft man jemanden unterwegs. So quatsche ich eine ganze Zeit mit einem sehr netten Holländer, dessen Namen ich leider nicht mehr auf die Kette bekomme (Geiles Sprichwort). Da ich die Strecke etwas umgebaut habe, was übrigens erlaubt ist (!), mehr auf Rennrad ausgelegt, trennen sich unsere Wege irgendwann wieder. 

Die Strecke habe ich übrigens nur an den schlimmsten Stellen umgeplant. Alles, was länger als einen Kilometer Kopfsteinpflaster, Sandpassagen oder sonstigen Gravel-Elementen sind, habe ich auf Asphalt umgelegt. Aber immer mit dem schnellsten Weg zurück auf die Original-Strecke des SBE! 

Einsame Straßen

Die Landschaft zieht an mir vorbei. Die Gedanken schweifen herum. Ein Mischmasch aus Aufregung, Frieden mit mir selbst, Neugier, Ungewissheit und Anspannung. Ich glaube, ich sitze hier richtig. Das ist der SuperBerlinExpress und der Zug geht in die richtige Fahrtrichtung. Mein Ticket berechtigt mich für dieses Abenteuer.

Unterwegs treffe ich irgendwo auf Rick. Wir wechseln ein paar Worte, ich bedanke mich noch einmal für die tolle Organisation und presche voller Freude, mit Rückenwind im Nacken und Strahlen im Gesicht, die leere Straße entlang. 

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Der Mann hinter der Idee des SuperBerlinExpress: Rick Rider himself!

Der Rückenwind ist angesagt bis Berlin. Das macht es zumindest bis dort etwas einfacher. Die Geschwindigkeit ist hoch, es rollt sich herrlich in immer einsamer werdenden Landstrichen. Dann treffe ich auf Lisa, die ebenfalls fix auf ihrem Rennrad unterwegs ist und sich den SBE zu ihrem Geburtstag „geschenkt“ hat. Kann man mal machen, finde ich super.

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Lisa & der Beginn der „Partners in Crime“.

Wir rollen eine ganze Zeit nebeneinander her und quatschen dabei. Den Autoverkehr stören wir dabei nicht, denn der existiert hier anscheinend zwischen den Weiten der Felder und Wiesen nicht. Umso besser. Wir steuern auf 150 Kilometer zu, eine Tankstelle liegt am Weg. Perfekt. Die kommt genau richtig für uns, um ein wenig „nachzutanken“. Es ist schon so warm, dass mir ein Eis jetzt bereits gut zu Gesicht steht. 

Auch Christoph kommt an dieser mit Sitzbänken und Tischen bestückten Tankstelle an, wie auch noch ein paar andere Fahrer. Ein Kommen und Gehen. Wir drei beschließen zu dritt zusammen weiterzufahren. Es entwickelt sich ein angenehmes Pedalieren, wo der Tritt bei uns zusammenpasst.

Treffpunkt Tankstelle

Doch irgendwann kommt der Punkt, da geht es rechts auf eine längere Gravelpassage. Die habe ich für mich umgeplant, doch die beiden wollen sie fahren. Wobei Lisa für einen Moment überlegt, lieber mit ihren schmalen Reifen doch besser die Straße zu nehmen. Doch nur für einen Moment. Das sollte sich wohl rächen…

Ich bin nun lange Zeit alleine unterwegs. Nicht nur, weil ich den Umweg fahre, auch als ich nach ein paar Kilometern wieder auf dem ursprünglichen Track komme. Niemand zu sehen. Nur ich, mein Rad und die unendlichen Weiten dieser Landschaft. 

Und genau das ist es. Hier muss ich jetzt komplett alleine klarkommen. Sowohl mental wegen einer gewissen Monotonie, die sich einschleichen kann als auch körperlich. Denn die zunehmende Wärme bedeutet auch Wasserverlust. Daher muss ich auf meiner Marschtabelle genau schauen, wo ich rechtzeitig Wasser herbekomme. Und Eis geht ja bekanntlich auch immer.

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Ein Traum zum Fahren!

Es sammeln sich Kilometer um Kilometer auf dem Radcomputer an. Mein Abteil des SBE747 fährt sich prima. Kurz überlege ich, mir die Kopfhörer in die Ohren zu stecken, ein bisschen leise Musik im Hintergrund laufen zu lassen. Doch nein! Diese Momente in der warmen Sonne, die Windgeräusche, der Geruch frisch gemähten Grases, die intensiv würzig riechenden Fichtenwälder, sowie der Duft des heranwachsenden Getreides auf den Feldern verdienen es, sie uneingeschränkt und mit allen Sinnen zu wahrzunehmen. 

Summer is calling-Galerie

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In ihrer reinsten und ursprünglichsten Form. Ein Fest für die Sinne. Das Gefühl eines niemals enden wollenden Sommers. Eine Komposition für die Ewigkeit. Eingemeißelt im ewigen Gedächtnis eines von der Vielfalt des Radsports faszinierten Individuums. Gefangen im prickelnden Momentum und nur entlassen zum kurzzeitigen Erfrischen des erhitzten Kadavers. Long Distance Cycling ohne Qual und kompromisslos in Schön!

So schön, dass ich am frühen Nachmittag eigentlich schon an meinem angepeilten Tagesziel in Rechlin ankam. Viel früher als gedacht. Es lief bisher einfach zu gut. Keine Frage für mich, das würde ich bis zum nächstmöglichen Unterschlupf in Zempow locker schaffen. Dort würde es im „EinLaden“ leckeres zu essen geben, eine Schlafmöglichkeit im Garten nebenan oder im ortsansässigen Autokino auf der dortigen Wiese. So solle es sein.

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Ich komme am „Supporter“-Laden in diesem Kaff an, einer Ansammlung von ein paar Häusern. Hier scheint die Zeit stillzustehen. Doch die Aufnahme von uns Fahrern ist herzlich. Die Kinder der Besitzer bringen uns („uns“, weil schon einige andere Fahrer dort auf bunt durcheinander gewürfelten Stühlen sitzen, als ich ankomme) selbstgemachte Suppe. Frisch gebackener Kuchen und Obst wird ebenfalls angeboten. Paradiesisch. 

Auch der Holländer ist schon da. Wir erzählen von den bisherigen Eindrücken und weiteren Plänen, als Lisa und Christoph auch eintrudeln. Da sitze ich etwa schon eine halbe Stunde vor dem Laden und regeneriere.

Support des SBE am EinLaden in Zempow

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Plattfuß! Den hatte Lisa auf der besagten Gravelpassage gehabt. „Wäre ich mal lieber bei dir auf dem Asphalt geblieben“, flucht sie mit einem Augenzwinkern. So kann’s gehen. Doch schnell werden bei den beiden wieder die müden Geister geweckt. Die leckere Gemüsesuppe tut ihr Übriges dazu. Ich gönne mir eine leckere Fruchtbrause und ein Bio-Eis. Da freut sich der Magen.

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Wie gehts weiter? Schnell stellen wir drei fest, das wir Bock haben, tatsächlich noch bis zum Checkpoint nach Berlin zu fahren. Weitere einhundertfünfzig Kilometer! Auch ein Stück weit durch die Nacht wird es dann gehen. Dass dies anstrengend ist, wissen wir. Ein bisschen Respekt haben wir schon für dieses Unterfangen.

Hinein in die Dunkelheit.

Noch ist es hell, vielleicht noch ein oder zwei Stunden. Dann setzt die Dämmerung ein. Die Gerüche der Natur werden noch intensiver. Die Abendsonne zieht Wasser, es bilden sich die ersten Wolken. Leichte Feuchtigkeit liegt in der Luft. Doch die Stimmung ist nach wie vor gut, auch wenn sich die ersten Ermüdungserscheinungen am Hintern bemerkbar machen.

Im Nirgendwo müssen wir uns in der Dämmerung orientieren, was die Verpflegung anbelangt. Die Bordsteine sind in den kleinen Dörfern schon längst hochgeklappt worden. Es gibt nichts. An einem Friedhof ziehen wir frisches Wasser aus der Leitung. Das geht immer. Doch die Nahrung wird dafür immer weniger.

Gedanken an salzige Pommes machen sich bei uns breit. Doch es sind etliche Kilometer bis zur nächsten Möglichkeit auf Verpflegung. Es ist jetzt stockdunkel. Wir entschließen wir uns, den Track etwas anders zu legen. An einer Autobahn scheint laut Suchmaschine eine Fritten-Schmiede zu sein. Und zur Not halt die Tankstelle an sich. Dem Track würden wir ein kurzes Stück danach wieder auf der Original-Route folgen.

Wir ballern die dunkle Bundesstraße hinunter. Ich fahre vorne weg. Ein kurzer Blick hinunter auf den Wahoo, ein Bruchteil von einer Sekunde, lässt mich das erste Reh verpassen, welches von links über die Straße nur knapp vor meinem Rad vorbeispringt. Erst das Zweite nehme ich wahr. Irgendwie im Tunnel gefangen verlangsame ich nicht einmal dabei die Geschwindigkeit. Das erschrockene Raunen von hinten lässt erahnen, wie knapp das war. Bei dem Tempo hätte das übel enden können.

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Keine Pommes, nur Süßkram und Powernapping für zehn Minuten! Foto. C. Rampendahl

Wir haben schon am Abend von Horror-Storys in diesen Landstrichen gehört. Von Wildschweinen, die von Angesicht zu Angesicht vor Radfahrern standen. Meistens ist es gut gegangen. Doch wer kennt das Sprichwort nicht: tausendmal ist nichts passiert…

Die Burger-Bude hat zu! Wir sind zwanzig Minuten zu spät dran. Wir hatten uns so auf Pommes gefreut. Das ganze Süßzeug kommt uns schon aus den Ohren raus. Nun gut, dann muss die Tankstelle direkt nebenan herhalten. Coke, Schokolade, Gummibärchen…das Überlebenszeug des Bikepackers. 

Wir sind müde. Sehr müde. So müde, dass Christoph den Timer auf zehn Minuten Powernapping für Lisa und mich stellt. Den Kopf auf den Tisch gelegt und schon sind wir kurz weggedöst. Ich fühle mich wie durch den Kakao gezogen. Zumindest der Magen meldet leichte Anzeichen von Unwohlsein. Nicht das mir schlecht ist, eher etwas entkräftet. Aber wundert das?

Es kommen die ersten weitläufigen Ortschaften vor Berlin. Und dann ein Straßenschild: BERLIN! Wir sind in Berlin! Wir haben es geschafft. Wahnsinn! Geil! Doch die Ernüchterung folgt auf dem Fuße, denn Berlin ist groß! Verdammt groß. Und wir müssen an das andere Ende. Rund anderthalb Stunden mindestens liegen noch vor uns.

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BERLIN!!!!!!!!!!

Und ein Wald. Mit einem Pfad, der sich schmal und dunkel hindurch windet, wie eine listige Schlange. Angestrahlte Augen blitzen kurz da vorne im Gebüsch auf, dann sind sie wieder verschwunden. Keine Ahnung, welches Tier das war. Es ist nicht gerade ungefährlich, hier so schnell zu fahren. Konzentrieren fällt mittlerweile schwer. Schnell kann das Gehirn einem auch Streiche spielen. Also unbedingt aufpassen!

Dann endlich, die Lichter der Großstadt. Breite, beleuchtete Straßen. Es sind keine Autos unterwegs. Und das in Berlin! Wir sind die Königinnen und Könige der Nacht. Rebellisch erobern wir die Straßen. Die Nacht gehört uns! Hell yeah! Euphorie macht sich breit. Wir sind dabei, es bis zum Checkpoint an der Glienicker Brücke zu schaffen!

Doch wie soll es auch sein, die Ernüchterung erfolgt auch hier auf dem Fuße. Denn die ewig lange gerade Strecke parallel entlang der Avus lässt uns irre werden. Schnurgerade geht der Weg über zahlreiche Kilometer. Sehen tun wir nur das, was im Lichtkegel unsere Lampen zu sehen ist. Bei Lisa hat die Lampe bereits aufgegeben. Wir fühlen uns wie in einer never ending Story. Ich gähne selten auf dem Rad, aber bei dieser folterartigen Monotonie geht es gar nicht anders.

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Völlig k.o., aber den Checkpoint erreicht! Foto: C. Rampendahl

Irgendwann hört auch die schlimmste Folter auf, ein letzter Anstieg auf einer breiten Straße und dann heißt es nur noch Füße hoch und laufen lassen. Da hinten! Da stehen Menschen! Winkend! Wir sind am Checkpoint! Die SBE747-Crew erwartet uns mit Kaffee, Wasser, Kuchen und allerlei Hilfsbereitschaft! Wie geil ist das denn? Regine ( „Regines Radsalon“) übergibt uns die Spokecard, die wir jetzt wieder nach Hamburg bringen werden.

Den Checkpoint des SuperBerlinExpress erreicht

Unfassbar! Wir können hier an der Brücke direkt auf den Steinbänken schlafen! Bewacht von der Crew, im sicheren Hafen! Uns ist fast alles egal. Wir nehmen das gerne an und packen unsere Schlafsäcke aus, die wir auf den tatsächlich noch warmen Stein legen. Schlafen, Dösen, Hauptsache Ausruhen. Wir sind fix und alle! Es reicht. 

Wie bescheuert müssen wir eigentlich sein? Warum macht man sowas? Die Antwort war zu Beginn des SBE einfach: weil wir Bock drauf haben. Aber jetzt? Irgendwie ist es immer noch geil. Aber das geil kommt gerade etwas später als sonst über die Lippen. 

Bescheuert. Ja, das scheinen wir drei echt zu sein. Knapp eine Stunde später sind wir schon wieder dabei unsere Habseligkeiten zu packen. Ein schneller Kaffee, ein ganz dickes Dankeschön an die Crew für diesen wahnsinnig geilen Support und schon schiebt Regine uns wie bei den Profis bei den ersten Pedalbewegungen an. Das lässt sie sich nicht nehmen. Kleine Details sind es, die hängen bleiben und dieses Event zu etwas ganz Besonderem machen.

Keep on rolling

Das magere „Frühstück“ folgt in Form von zwei Croissants, samt Toiletten-Verweigerung an der unfreundlichsten Tankstelle auf der ganzen Tour. Die Shell-Tankstelle nach der Glienicker Brücke ist also nicht zu empfehlen.

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Farbtupfer am Morgen.

Der Morgen ist zunächst etwas wolkenverhangen. Und auch etwas frisch. Aber die Wärme kriecht schnell unter die Kleidung, die wir uns kurz darauf schon beim nächsten Stopp wieder vom Laib reißen müssen. Diese Stopps sollen uns noch teuer zu stehen kommen. Wir kommen kaum voran. Irgendwie scheint der Wurm drin zu sein. Der Hintern schmerzt langsam, aber sicher, eine Pinkelpause nach der anderen, hier was, dort was und dann kommt die Bäckerei Backwahn.

Ein richtiges Frühstück lässt auf eine flüssigere Weiterfahrt hoffen. Die Bäckerei in Päwesin, einst vom umstrittenen Guru Bhagwan Shree Rajneesh gegründet, sah sich oftmals Spott ausgesetzt. Die Jünger wären wohl im „Backwahn“ hieß es. Na ja, die Bäckerei sieht jedenfalls sehr ordentlich aus und die Auslage ist gefüllt mit allerlei Leckereien. Das ganze Dorf erscheint nach und nach und holt sich seine belegten und unbelegten Brötchen, sowie Kuchen und Plätzchen ab.

Wir sitzen draußen auf der Veranda, genießen das schmackhafte Frühstück. Wobei der Käsebrezel von Lisa anscheinend mit einem Zentimeterdicken Käse überzogen ist. Da dreht sich mir schon beim Anblick der Magen um.

Auf der sauberen Toilette machen wir uns frisch. Zähneputzen und…na ja…Nachcremen der empfindlich gewordenen Stellen. Gerne würde ich das dicke Sitzkissen des Stuhls auf den Sattel schnallen. Muss mich aber damit zufriedengeben, dass es auch so irgendwie gehen muss.

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Beginn einer langen Frühsport-Phase! Foto: C. Rampendahl

Wir eiern ein Stück weit, vielleicht zwei oder drei Kilometer und dann ein „Pfft“. Der nächste Platten bei Lisa auf einem schäbigen Kopfsteinpflaster, welches den Namen nicht verdient. Passiert. Prima Teamwork lässt diesen Platten relativ zügig beheben. Der Schlauch wird langsam aber sicher zum Flicken-Monster. Während ich mich an den Einbau des zweiten Schlauches mache, klebt Lisa leicht genervt das kleine Loch bei dem anderen Schlauch. Kurz darauf geht es auch schon weiter.

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Angespannte Lage.

Nach dem üblen Kopfsteinpflaster folgen Beton-Platten. Natürlich gibt es ständig irgendwelche Kanten. Ein permanentes Schlagen auf die Reifen. Ein Stakkato, ein Trommelfeuer für die Schläuche. Und es kommt noch schlimmer. „Stopp!“ Kommt es von hinten. Lisa. Erneut ein Platten. Es ist nicht zu glauben. Sie tut mir richtig leid. Was für eine Pechsträhne.

Wir stehen mitten im Wald. Und reparieren erneut den Schlauch. Radausbau, Schlauch raus, Schlauch prüfen, Flicken drauf, Mantel prüfen, Schlauch wieder rein, Aufpumpen…Nichts! Wieso? Also Schlauch wieder raus, prüfen…ah, noch ein Loch…Flicken drauf, Schlauch wieder rein, Aufpumpen…nichts. Die Mücken erfreuen sich an unserem Schweiß und dem hitzigen Fleisch. 

Pannen-Massaker beim SBE

Es wird zäh. Das ganze Spiel wiederholt sich. Und wiederholt sich nochmals. Die Flicken werden weniger, die gute Laune auch. Wir kommen an unsere Grenzen. Wir verstehen nicht, woher immer neue Löcher in diesem verdammten Schlauch kommen. Es ist verrückt und nicht erklärbar.

Zwei weitere Fahrer trudeln ein. Die Hoffnung kommt zurück. Allerdings fahren sie auf Gravelbikes mit dicken Reifen und dementsprechenden Schläuchen. Die nächste Radwerkstatt ist 33 Kilometer entfernt. Es ist hoffnungslos, Lisa will sich ihrem Schicksal hingeben und aufgeben. Doch das ist keine Option. Mit aller, und ich meine aller Gewalt, wuchten wir den breiten Gravelschlauch in den dünnen Rennradreifen. Die Hölle auf Erden, die Teufelshörnchen sind quasi über unseren Köpfen sichtbar. 

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Das Ende vom Lied: der Schlauch passt natürlich nicht. Aber dann kommt das Unerwartete, das Peinliche und das wirkliche Ende vom Lied: meinen Ersatzschlauch, den ich am Rad mitführe, hatten wir am Anfang kurz angeschaut, ich dann aber als zu breit empfunden, weil ich vor lauter Betriebsblindheit gedacht habe, ich habe das Gravelbike unter mir! Was muss ich in einem Delirium sein, denn die Wahrheit ist: Ich fahre hier gerade mit dem Rennrad und der Schlauch passt natürlich auch bei Lisas Rad! 

Erdboden tu dich auf! Ich ringe um Fassung. Wir gucken uns mit großen Augen alle an. Schande über mein Haupt. Der Boden ist übersät mit Fetzen von Flicken, Schläuchen und allerlei Werkzeug. Ein Schlachtfeld des Wahnsinns! Der Reifen lässt sich selbstverständlich aufpumpen. Wieso auch nicht?

Lisa hat Schnappatmung. Wir schauen uns an. Wir lachen und können das Ganze nicht glauben! Diese Plattenserie hat uns über drei (!) Stunden Zeit gekostet. Eigentlich haben wir kein Bock mehr. Die Motivation ist weit unten am Boden des Glases angekommen. Doch wir sind wieder im Spiel und der Tag noch lang.

Zäher Tag

Es bleibt zäh. Jetzt gilt es, sich aus diesem Loch zu ziehen. So schwer wie es auch fällt. Ein echtes Durchfahren will sich nicht einstellen. Jede Möglichkeit eines Pausenstopps nehmen wir mit. Ob Tankstelle oder Bushaltestelle, ganz egal. Nur ein kurzer Halt, um kurz darauf in einem kleinen Biergarten etwas zu Trinken und zu essen. Die Müdigkeit kommt durch. Genau wie die Hitze. 

Unsere Hintern tun weh, wir sind schlapp, rutschen im Sattel unruhig hin und her. Trotzdem sind wir ein großartiges Team. Oft stellt sich Christoph in den Gegenwind, der uns bis Hamburg immer wieder ärgern wird und arbeitet fantastisch für uns. Wir wechseln uns mit der Führung immer wieder ab, geben Zeichen bei Hindernissen und muntern uns immer wieder auf. 

An einer weiteren Tankstelle fährt ein Oldtimer-Konvoi an alten Motorrädern und Trabis an uns vorüber. All die Abgase bilden einen dünnen Nebel. Es stinkt. Das kann mein Eis aber nicht trüben. Es wirkt so herrlich kühlend. Wir sitzen mal wieder eine ganze Weile dort. Und auch die verdammt saubere Toilette wird von uns ausgiebig genutzt. 

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Kein Durchkommen währen der Oldtimer-Ralley rüber zur Tanke. Foto: C. Rampendahl.

Einen leichten Aufschwung erfährt unser kongeniales Trio, als Rick an der Tankstelle auftaucht. Er ist alleine unterwegs und sieht noch ziemlich frisch und entspannt aus. Kein Wunder, hat er doch traumhafte Stunden mit viel, viel Schlaf hinter sich, wie er erzählt. Für einen klitzekleinen Moment sind wir doch etwas neidisch. Kann uns keiner verdenken.

Wir rollen ein ganzes Stück zusammen. Heizen über die Straßen mit neu gewonnener Kraft. Rick spendet durch seine große Statur enormen Windschatten. Den lutschen wir gerne eine Zeit lang, bis wir dann auch mal in den Wind gehen. Die Kraft reicht genau bis Havelsberg. Das dortige Kopfsteinpflaster rüttelt uns dermaßen durch, dass wir, was auch sonst, die nächste Tankstelle ansteuern.

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Rick hat uns eingeholt und begleitet uns wieder ein Stück des Weges.

Rick haben wir mittlerweile wieder „verloren“, als wir an unserem x-ten Eis schlecken oder der x-ten Cola nuckeln. Es ist früher Abend, die Sonne ist immer noch sehr warm. Unsere verschwitzten Körper stecken nun seit über 24 Stunden in diesen Radklamotten. Wie reduziert man auf dem Rad fahren kann, das erleben wir hier hautnah beim SBE. Ein intensiver Ausbruch aus der eigenen Komfortzone ist das. Wir ziehen quasi blank vor dem jeweils anderen.

Was im „normalen“ Leben naserümpfend ausgehalten werden würde, spielt hier keine Rolle. Salzflecken auf den Trikots sind Abzeichen eines Kampfes mit sich selbst. Man trägt sie mit Stolz. So sieht jeder, „Wow, die haben aber wirklich alles gegeben!“ Kann man nicht leugnen.

Ab jetzt geht es entlang der Elbe. Gefühlt ist Wittenberge und der Sonder-Support-Stopp bei Sebastian nicht mehr weit. Doch es zieht sich. Wie schon den ganzen Tag. Der Allerwerteste ist schon längst bereit, aus dem Zug des SuperBerlinExpress auszusteigen. Nur mein Kopf hat noch das letzte Fünkchen Ehre NEIN zu sagen und weiter in die Pedale zu treten.

Entfesselnde Momente

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Die Elbe im warmen Licht der Abendsonne ist wunderschön. Kleine Sandstrände, die saftigen Deichwiesen…es könnte direkt romantisch werden. Ich frage die beiden, ob sie das hier gerade so richtig genießen können. So wie es diese Fleckchen in diesem Moment verdient hätte. „Nee, nicht ganz so“, ernte ich als Antwort. 

Doch diese Atmosphäre zieht uns in ihren Bann. Wir hauen uns für ein paar Kilometer getrennt voneinander die Kopfhörer in die Ohren und berauschen uns mit unserer persönlichen Musik zu diesem gerade hier abgehenden Film zu neuen Höhen. Strahlen in unseren Gesichtern, die Endorphine tanzen im Samba-Zug des SBE auf den Tischen, beschwipst und voller Glückseligkeit.

Wir erreichen Wittenberge. Endlich. Sebastian und seine ganze Familie empfangen im Garten seines Hauses die Teilnehmer. Schon den ganzen Tag ist hier ein stetiges Kommen und Gehen. Es gibt direkt zu essen und zu trinken. Suppe, Wurst vom Grill, Brötchen…alles, was das müde Radler-Herz begehrt. Was für eine Gastfreundschaft. So schön. 

Lisa duscht warm im Haus, für uns Männer gibt es die kalte Gartendusche. Und das ist völlig egal. Hauptsache Wasser. So nackt habe ich das letzte Mal als Kind im heimischen Garten vor Freude glucksend unter dem Wasserstrahl des Gartenschlauches gestanden.

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Leider das einzige Foto bei Sebastian, ich war einfach zu fertig nach 554 Kilometern, dass ich das Fotografieren glatt vergessen habe.

Jetzt schrubbel ich mir die verklebte Kruste von Sonnenmilch und Anti-Mückenspray von Armen und Beinen. Dass so eine kalte Dusche ein echtes Highlight sein kann, hätte ich vorher auch nicht gedacht. Es sind die kleinen Dinge, die glücklich machen. Und wenn es nur das sprudelnde Nass aus dem Schlauch ist. Mir geht es gut, ich bin müde. Die anderen auch. Wir ratzen schnell weg.

Rund sechs Stunden Schlaf gönnen wir uns. Um fünf höre ich flüsterartig von rechts „Tooom…aufstehen!“. Lisa ist schon wach. Es ist schon hell um diese Jahreszeit so früh morgens. Total verpeilt krieche ich aus meinem Biwacksack. Dank Mückenschutz hat es mich anscheinend nicht übermässig an Stichen erwischt. Ein paar Stiche vom Herumtanzen auf der Wiese um den Gartenschlauch, aber die sind auszuhalten.

Sebastian ist schon wieder auf den Beinen. Es gibt frischen Kaffee. Unglaublich, was er alles für die Passagiere des SuperBerlinExpress macht. So ehrlich, so erfrischend. Wow.

Um kurz nach halb sechs radeln wir schon zur nächsten Tankstelle für ein „richtiges“ Frühstück. Der Tankwart ist nett, wir quatschen etwas und essen die wirklich gut belegten Brötchen. Ich bin schon reif für einen „Bullen“ frühen Morgen, während die anderen ihren Kaffee nippen.

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Guten Morgen.

Wir alle haben Angst vor dem Tag, den unsere Hintern sind nach durchgehenden 554 Kilometern alles andere als in Bestform. Ein Segen, ich habe eine zweite Garnitur Bibshort mit. Beide Hosen ziehe ich übereinander. Ich weiß mir sonst nicht zu helfen und sehe mich ansonsten schon am Bahnhof stehen.

Aber: es hilft tatsächlich. Ich sitze fast wie in einem Sessel. Zumindest so weit, dass ich fahren kann. Auch Lisa und Christoph kommen besser zurecht, als gedacht. So ein zähflüssiger Tag wie gestern soll es heute nicht werden. 175 Kilometer stehen auf unsere „To-Ride“-Liste. Machbar. Sollte kein Problem sein.

Magie

Die Elbe ist weiterhin unser Begleiter. Einsam und verlassen fließt sie dahin. In vielen Kurven geht es windgeschützt unterhalb des Deiches entlang des dortigen Radweges. Die Morgenstimmung ist wunderbar. Wir alle haben wieder ein Lächeln auf dem Gesicht. Viele Kilometer geht es mal links herum, mal rechts herum. 

Zwischen uns herrscht eine Art Magie. Es fühlt sich richtig an, mit Lisa und Christoph hier zu sein. In diesem Moment streicheln wir uns gegenseitig die Seelen und tun einander gut. Ein blindes Verständnis, ein prickelndes Knistern, die Blicke zueinander reichen. Es wird schwer sein für Außenstehende diese Augenblicke zu beschreiben, wenn sie nicht selber dabei gewesen sind. Und ob sie es dennoch verstehen werden, ist fraglich. Radfahrende Seelenverwandschaft. Jetzt glaube ich daran.

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Es wird schnell warm an diesem Morgen. Das Wetter ist uns weiterhin wohlgesonnen. Einem Sommermärchen gleich. Schön auch für Lisa, denn sie hat heute ihren Geburtstag. Und den SuperBerlinExpress hat sie sich selber geschenkt. Happy Birthday. Heute ist der SBE dein Party-Express!

Wer meint, an der Elbe ist es nur flach, der täuscht sich. Auf dieser Seite der Elbe ist es jedenfalls nicht so. Wellig geht es an ein paar Stellen schon zu. Am Bollberg wird es knackig. Ein tolles Gefühl in den Beinen, wenn man die ganze Zeit vorher nur flach gefahren ist.

In Gorleben kommen wir an eine Bäckerei vorbei. Stärken kann man sich nicht genug. Doch die Auslage ist dermaßen leer und die Bedienung kurz angebunden. Nett ist anders, ich mag dieses typisch deutsche Verhalten nicht. Eine Apfelschorle und zwei Plätzchen sind alles, was ich bekomme. Selbst Kaffee bekommen die anderen beiden nicht. Nun gut, das Karma wird irgendwann zurückschlagen. 

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Der Track folgt großteils dem Elbe-Radweg und bietet so gut wie keine technischen Herausforderungen. Die Gravel-Passagen halten sich in Grenzen, Lisa hat da heute auch keinen Bedarf. Schafherden gibt es immer wieder mal auf den Deichweiden. Ein Hirtenhund rennt am Zaun mit uns am Radweg entlang. Er beschützt seine Herde vor uns, wie wir uns immer wieder gegenseitig vor dem Gegenwind schützen.

In Hitzacker halten wir, wie sollte es auch anders sein, bei einer Tankstelle. Eine kurze Pause, einmal durchatmen, etwas trinken und eine Kleinigkeit essen. Gar nicht so verkehrt. Nach der Pflicht kommt die Kür, mit dem Kniepenberg kommt der Anstieg des Tages. Zweistellige Prozente. Kurz vorher ist es schon wellig, aber plötzlich tut sich eine Wand vor uns auf. Du meine Güte. 

Kniepenberg

Wir wissen, dass einige hier bereits geschoben haben. Wer mich kennt…keine Option. Lisa würde gerne von mir gezogen werden, ich habe aber leider gerade kein Lasso dabei. Aber ein bisschen pushen hilft ihr und sie schafft es. Genauso wie Christoph, dessen Rad wohl noch etwas schwerer  ist als unsere beiden. Zum Glück ist der Anstieg nicht zu lang. Oben erwartet uns ein Aussichtspunkt. Den dazugehörigen Turm lassen wir uns nicht entgehen und klettern zahlreiche Stufen nach oben. Der Schweiß rinnt den Rücken herunter.

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Die Belohnung ist der weite und fantastische Blick ins Elbtal. Atemberaubend. Beschwingt knallen wir die Abfahrt hinunter. Die Kilometer schreiten voran. Der Gegenwind hält sich verdächtig in Grenzen, wie ich finde. Ich habe mit schlimmerer Gegenwehr gerechnet. 

Zwölf Uhr Mittags. High Noon. Leichter Wind. Der einsame vertrocknete Busch wird über die gespenstisch stille, einsame Straße in Bleckede geweht, als wir unsere Pferde am Geländer des alten Pizza-Saloons anbinden. Die Verständigung ist schlecht mit dem Personal, die Pizza nur ok, die eiskalte Coke gut. Spiel mir das Lied vom Tod.

Denn nur wenige Meter weiter gibt es die schönste Altstadt mit schönen Cafés. Dumm gelaufen, Augen zu und einfach weiterfahren. Das Ziel kommt mit jeder Kurbelumdrehung näher. Raum und Zeit verschwimmen. Ein Nebel aus Melancholie, Erleichterung und Glück schwebt über unseren Köpfen. Und die Pizza schwimmt bei dem ein oder anderen in der Magengrube.

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An einem Pizza-„Saloon“ in Bleckede.

Es gibt immer wieder kleine Phasen, da rollt es vorzüglich. Doch es kommt auch immer wieder der Punkt, um ein kleines Päuschen zu machen. Auf einer Bank an der Elbe sitzt es sich gut, der Blick ringsum ist schön. Gefühlt ist Hamburg nicht mehr weit. Doch das täuscht. Laut Wetterkarte regnet es sogar noch gerade in Hamburg. Besser also, dass wir noch nicht da sind.

Ein weiterer kurzer Trinkstopp, einmal noch die Trinkflaschen auffüllen. Der Himmel wirkt dunkelgrau, etwas bläulich sogar. Ein, zwei Tropfen kommen runter. Oha. Das brauchen wir jetzt auch nicht mehr. Hoffentlich hält das Wetter sich noch etwas.

Wir drei wollen nur einfach noch ankommen. Doch als wir endlich die Elbe überqueren und dem mächtigen Strom oberhalb auf dem Damm folgen, haut uns der Wind nochmals so richtig in die Fresse. Was haben wir nur verbrochen? Christoph stellt sich wehrhaft in Wind, dann Lisa, dann ich. Wir lassen hier nochmals ordentlich Körner liegen, die wir bereits eh nur noch auf Kredit besitzen.

Endlos zieht es sich hin. Und als wir denken, jetzt wird alles gut, da kommt der nächste endlose Weg. Und nichts sieht mehr nach Großstadt aus! Kirchwerder und Ochsenwerder, keine Ahnung, woher die Namen dieser Ecken kommen. Aber die Plattenwege durch die Felder sind ermüdend. Und dann fallen zusätzlich noch so viele Tropfen vom Himmel, dass wir tatsächlich anhalten müssen und uns Regenjacken anziehen! Echt jetzt?

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Hamburg in Reichweite. Aber nur mit Gegenwind!

Natürlich hört es nach fünf Minuten wieder auf, über uns zu regnen. Wie sollte es auch an der sein? Christophs Tochter, die in Hamburg lebt, hat uns mittlerweile unterwegs aufgegabelt und begleitet uns das letzte Stück bis zum Ziel.

Das Ziel! In Sichtweite! Lisas Eltern sind extra nach Hamburg gekommen und stehen Spalier. Das alte Fährhaus Entenwerder, da steht es! Wir sind durch! WTF? Wir haben es geschafft! Irre! Verrückt! Geil! Was für ein Abenteuer, was für ein Ride, was für ein Erlebnis! Wir klicken aus den Pedalen und es ist vorbei! Urplötzlich ist dieser verdammte SuperBerlinExpress zu Ende! Ein Foto als Finisher, als Beweis und dann ist Game Over! Einfach so. Kein Tusch, kein Täterä, kein Empfangskomitee. 

Ende eines Sommermärchens

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Das Dream-Team mit der Spokecard am Ziel in Hamburg!

So plötzlich werden wir aus diesem Traum gerissen. Einen Traum, den wir trotz aller Strapazen gerne noch weitergelebt hätten. Ein Traum, der uns intensiv zusammengeschweißt hat. Wer weiß, wohin das noch führt? Ich kann mich eigentlich nur bedanken. Bei Rick und seine Hammer-Crew samt Sebastian, die den SBE auf die Beine gestellt haben und bei den beiden Menschen, die diesen Trip für mich zu einem Sommermärchen haben werden lassen. Danke Lisa! Danke Christoph! Ihr seid eine Inspiration! Es war mir eine Ehre!

Auf zu neuen Träumen. 

Zum nachlesen: Mein Versuch aus 2021 den SBE zu fahren.
Zum Im-Auge-Behalten, die offizielle Website des SuperBerlinExpress

Meine Playlist zum Sommermärchen SBE

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