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Der Berliner Mauer-Weg – Deutsche Geschichte per Rad entdecken

Wenn ich von meinen Touren durch Deutschland erzähle und schreibe, dann gehört es für mich auch dazu, mich mit der jüngeren Geschichte meines Landes zu befassen. Und wo geht das besser, als direkt in Berlin? Berlin, die Millionen-Metropole, die auf eine spannende Geschichte zurückblickt und in den letzten 150 Jahren einiges erlebt hat. Nicht nur Positives, sondern auch viel Leid und Ungemach im und nach den Kriegen.

Ich bin von Typ her grundsätzlich wissbegierig. Gerade, was Geschichte oder Politik angeht. Diese beiden Felder sind naturgemäß meist miteinander sehr stark verwoben. Sie kommen ohne einander nicht aus. Und da Berlin in der jüngeren Geschichte Schauplatz für einen innerdeutschen Konflikt mit der DDR war, ließ ich es mir nicht nehmen, den Mauer-Weg mit dem Fahrrad nachzufahren.

Route entlang des Mauer-Weg

Dieses unsägliche Mauerwerk, welches ab dem 13. August 1961 so viel Leid über das deutsche Volk gebracht hat. West-Berlin wurde von der DDR quasi hermetisch abgeriegelt. Menschen wurden von ihren Eltern, Brüdern, Schwestern und anderen Verwandten getrennt und einem scheinheiligen System der Kontrolle und Unterjochung ausgesetzt. Unter allen Umständen sollten die Bürger der DDR daran gehindert werden, das Land zu verlassen. Mindestens 136 Menschen starben bei Fluchtversuchen. Sie wurden vorwiegend bei Übertritt in den sogenannten Todesstreifen erschossen, viele wurden verhaftet.

Nach über 28 Jahren hatte der Schrecken ein Ende, die Mauer fiel am 9. November 1989, die deutsche Wiedervereinigung fand zum Glück ein friedliches Ende und der Kalte Krieg war Geschichte. Berlin, welches nach dem 2. Weltkrieg eine Viersektorenstadt war und von den sogenannten Viersiegermächten (USA, Sowjetunion, Großbritannien und Frankreich) aufgeteilt worden war, hatte viel mitgemacht. Wie nah man damals am Rande des 3. Weltkriegs gewesen ist, ließ sich erst im Content der Zeit feststellen. Es war beängstigend.

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Zwei Reihen Kopfstein-Pflaster zeichnen den Verlauf der Mauer auf Berliner Straßen nach.

Von der Mauer sieht man heute nicht mehr allzu viel. Es gibt kleine Abschnitte, die erhalten wurden. Als Mahnmal, als Erinnerung. Das Mauer-Museum ist ein wichtiger Bestandteil des „Niemals-Vergessen!“.

Ich brach morgens früh auf, ganz in der Nähe des berühmten Checkpoint Charlie. Er war von 1961 bis 1990 Grenzübergang zwischen dem sowjetischen und dem amerikanischen Sektor, also zwischen Ost- und West-Berlin. Dazu war hier der Schauplatz dramatischer Szenen, als im Oktober 1961 sich sowjetische und amerikanische Panzer direkt gegenüberstanden. Ein Funke hätte genügt und die Situation wäre außer Kontrolle geraten.

Heute verläuft teilweise gut sichtbar mitten durch die Straßen Berlins ein Kopfsteinpflaster-Band in Zweierreihe. Es zeigt den genauen Verlauf der Berliner Mauer auf. Ich kann es kaum glauben, als ich mit dem Fahrrad diese Linie nachfahre. Dort, wo früher alles abgeriegelt war, stehen heute moderne Wohnhäuser, man kann überall hinfahren und nichts deutet darauf hin, dass hier Deutschland einst geteilt war.

East Side Gallery

Ich fahre entspannt dort mit dem Rad, wo einst mit Maschinenpistole patrouilliert wurde. Ich komme zur Spree und der heute so berühmten East Side-Gallery. Hier steht die Mauer noch auf etwas über einem Kilometer. Mauerreste, auf denen Künstler bemerkenswerte Bilder gemalt haben. Sie behandeln das Thema Krieg und Frieden und regen zum Nachdenken an. Das berühmteste Gemälde ist der sogenannte „Bruderkuss“ von Dmitri Wrubel, das im Jahre 1990 entstand. Es zeigt Leonid Breschnew, einst Staatsoberhaupt der Sowjetunion und Erich Honecker,  Staatsoberhaupt der DDR, in inniger Umarmung, sich einen Kuss auf dein Mund gebend. Titel: „Mein Gott, hilf mir, diese tödliche Liebe zu überleben“. 

Direkt hinter der Mauer kann man heute am Ufer der Spree sitzen und bei einem Gläschen Wein das Leben genießen. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass damals an solch schönen Orten auf Menschen geschossen wurde, die einfach nur in Freiheit und Frieden leben wollten. 

Ich fahre weiter den Mauer-Weg entlang. Nicht immer ist das Kopfsteinpflaster präsent. Je mehr ich aus der Stadt hinauskomme, desto weniger ist davon zu sehen. Doch immer wieder stechen einem diese orangefarbenen Stelen ins Auge, die am Wegesrand des Mauer-Wegs stehen. Auf ihnen wird auf anschauliche Art und Weise die dramatischen Geschichten, die sich hier abspielten, nahegebracht. 

Sie geben den an diesen Orten erlittenen Leiden und Verlusten ein Gesicht. Denn alte Porträtfotos erinnern an die Schicksale der Menschen, die hier erschossen wurden. Dazu gibt es meist eine alte Luftaufnahme mit der Angabe, wo man gerade selber steht und an welcher Stelle in der Umgebung das Opfer getötet wurde. Oft sind das nur eine Handvoll Meter, von wo die Seelen aus den Körpern wichen. Wer nicht ganz empathielos ist, der wird das durchaus als bedrückend empfinden.

Kurz vor dem Britzer Verbindungskanal steigt mir plötzlich ein spezieller Duft in die Nase. „Den kenne ich doch“, denke ich mir. Und auch wenn ich keinen Kaffee trinke, den Duft frisch gerösteter Bohnen mag ich sehr. Am Britzer Verbindungskanal hat eine bekannte große Kaffeerösterei ein Werk, der den Duft aus der Produktion zu mir hinüberwehen lässt. Surreal ist es an dieser Stelle direkt am Ufer gegenüber, da wo ich jetzt stehe und auf das Werk schaue. Genau hier gibt es das letzte Mauer-Opfer zu beklagen, welches durch Schusswaffen sterben musste. Der zwanzigjährige Chris Gueffroy ließ bei einem Fluchtversuch dort sein Leben, nur knapp ein halbes Jahr später fiel die Mauer. 

An manchen Stellen des Mauer-Wegs wurden schöne kleine Parks errichtet, die heute den geneigten Radfahrer zum Verweilen einladen. Kurz hinter dem kleinen Landschaftspark Rudower Höhe erinnert eine Stele daran, dass hier einst der berühmte Spionagetunnel lag. Er ging vom amerikanischen Sektor aus und führte 450 Meter in den sowjetischen Teil bis nach Altglienicke. Dort wurden dann die Telefon- und Fernschreiberkabel der Sowjets  von den Amerikanern und den Briten angezapft. 

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Hier verlief der berühmte Spionage-Tunnel.

Genutzt wurde er zwischen Mai 1955 und April 1956. Doch er war schon längst entdeckt worden, denn es gab einen britischen Doppelagenten. So wurde der Spionagetunnel nach rund elf Monaten von der DDR freigelegt und mit dem Finger auf den Westen gezeigt. Rund 440.000 Gespräche wurden in dieser Zeit aufgezeichnet, das entsprach in etwa 50.000 Tonbandspulen. Was das für ein Aufwand war, erkennt man daran, dass aufgezeichnete Spulen damals jeden Tag zur Auswertung nach England oder in die USA geflogen wurden. Der Kalte Krieg war damals sehr real.

Heute verläuft an dieser Stelle direkt nebenan die Autobahn A113, die den eigentlichen Mauerstreifen überbaut. Mit dem Rad den Mauer-Weg zu fahren, ist hier sehr angenehm. Schrebergärten und Wohnhäuser lassen nichts von der einstigen Drohkulisse erkennen. Wären die Stelen nicht, würden nachfolgende Generationen nichts von der Geschichte an diesen Orten wissen.

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Mauer-Weg bei Großziehten.

Weiter dem Mauer-Weg folgend erkennt man bald in der Ferne den neuen Hauptstadtflughafen BER. Die Gegend ist ländlicher, ein paar Felder ziehen vorbei. Der Weg führt durch eine Allee von Birken, die Szenerie wirkt anheimelnd und schön. Ein Blick nach links und ich sehe einen großen Hügel, der nicht natürlichen Ursprungs ist. Es ist eine ehemalige Mülldeponie.

Heute „SkyPoint“ genannt und seit kurzem der Naherholung dienend, liegt allerhand Müll unter den Füßen der Besucher. Für Geld wurde der Westberliner Hausmüll hier auf DDR-Boden deponiert. Einen eigens dafür gebauten und gut gesicherten Grenzübergang gab es, der direkt auf zur Deponie führte. Man kann es fast gar nicht glauben, so verrückt klingt das. Doch die Fotos auf der Stele zeigen diese sonderbare Szenerie.

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Der Weg zur ehemaligen Mülldeponie zu DDR-Zeiten.

Es wurde hier bei Großziehten, mit den markanten und hohen Plattenbauten, einfach alles hin gekippt, ohne Rücksicht auf die Umwelt. Die Mülldeponie wurde aufgrund der Belastung erst zum Sperrgebiet erklärt, um dann in zwei langen Jahrzehnten aufwendig saniert zu werden. Noch heute entweicht Methangas aus der Halde, welches jedoch für die Energiegewinnung genutzt wird und ein paar hundert Haushalte im Stadtteil mit Strom versorgt.

Hinter der Siedlung Waldblick, nachdem man dort übles Kopfsteinpflaster gemeistert hat, geht es über diese typischen Betonplatten. Auch hier gab es Maueropfer zu beklagen. Jedes Schicksal, welches auf diesen Stelen aufgeführt wird, berührt einen. Menschen, die Hoffnung auf ein besseres Leben im Westen hegten und bei dramatischen Fluchtversuchen ums Leben kamen. Ich ertappe mich dabei, jeden Text komplett durchzulesen.

Über Beton-Platten auf dem Mauer-Weg

Die Landschaft ist wunderschön, der Raps braucht nicht mehr lange, um ordentlich zu blühen. Weite, bewirtschaftete Felder liegen am Rand des Mauer-Wegs. Nichts zeugt davon, wie es hier einst ausgesehen haben muss, nur das Rumpeln über die Zwischenräume der Betonplatten erinnert daran, welche Fahrzeuge hier damals entlang fuhren und die Grenze kontrollierten.

Ich gelange zum Teltowkanal. Die Bundeswasserstraße, im Jahre 1900 erbaut, hat den Ruf, ziemlich verschmutzt zu sein, weil an vielen Stellen Abwässer eingeleitet werden. Trotzdem lässt es sich gut mit dem Rad fahren. Nicht mehr weit und ich erreiche die Königswegbrücke bei Dreilinden. Hier war einst ein Kontrollpunkt des Transitverkehrs auf West-Berliner Gebiet beziehungsweise in Richtung West-Deutschland. Die Alliierten nannten ihn Checkpoint Bravo. 

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Der Waldweg ist prima mit dem Rad zu fahren.

Wer damals hier durchfahren wollte, musste sich auf lange Wartezeiten und aufwendige Personen- und Autokontrollen einstellen. Wer diese Prozedur überstand, durfte weiterfahren. Bis nach West-Deutschland durfte die Transitstrecke nicht verlassen werden. Weitere Kontrollen waren nicht auszuschließen.

Heute ist es selbstverständlich über die Autobahn frei und ohne Kontrollen zu fahren. Ich kann es mir nur schwer vorstellen, wie es hier zuging, als ich so über die Brücke rolle. Schnurgerade geht es durch den Wald. Wunderschön. So ruhig, so friedlich. Das Vogelzwitschern in den Bäumen über mir. 

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In Richtung Potsdamer Havel.

Der Teltowkanal wird nun breiter, fließt durch den Griebnitzsee und gelangt dann in die Potsdamer Havel. Eine sehr idyllische Gegend, das Schloss Babelsberg ragt in der wunderschönen Parklandschaft heraus. Doch so schön es hier ist, mit dem Rad zu fahren, so unschön sind die Dramen, die sich auch hier abspielten. 

An der schmalsten Stelle des Teltowkanals führt eine kleine Brücke hinüber nach Klein-Glienicke. Dieser Ort war als „Sondersicherheitszone“ deklariert, weil die Landzunge bis hinein in den West-Berliner Bezirk Zehlendorf hineinragte. Als Spitzname wurde oft der Begriff „Blinddarm der DDR“ verwendet. Nur die Bewohner, rund fünfhundert Menschen, bekamen einen Passierschein! Teilweise betrug die Entfernung von Grenze zu Grenze nur fünfzehn Meter! Fluchtversuche gab es häufig, die meisten endeten tödlich. Kein Wunder war es, dass daher Leitern konfisziert wurden oder immer angeschlossen sein mussten.

Als ich mir die Texte auf den Stelen durchlese, spricht mich eine ältere Dame, die ebenfalls mit dem Fahrrad unterwegs ist, an. Dass man sich das ja gar nicht vorstellen könne, was hier einst passiert ist. Und dass wir ja wirklich privilegiert sind, heute so einfach mit dem Rad überallhin fahren zu können. Ich pflichte ihr bei.

Bekannt sind heute noch die sogenannten „Schweizerhäuser“ in Klein-Glienicke, die im Stile der Schweizer Bautradition ab 1863 im Auftrag von Carl von Preußen errichtet wurden. Diese sehenswerten Holzhütten stehen heute auf der Liste der UNESCO-Welterbestätten! 

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Ich radel ein kurzes Stück weiter und treffe auf einen Ort, der mir vom letzten Jahr beim Super Berlin Express 747 noch bestens bekannt ist: die Glienicker Brücke! Mitten auf der Brücke ist die „Grenze“ zum Bundesland Brandenburg. Früher war hier die Grenze, wo während der Deutschen Teilung spektakuläre Agenten-Austausche stattfanden. 

Ding festgemachte Agenten aus beidseitigem Lager wurden hier, an übersichtlicher Stelle für die beteiligten Großmächte USA und Sowjetunion, gegeneinander ausgetauscht. Die Stimmung bei diesen insgesamt drei Austauschen war damals äußerst angespannt. Ein Funke hätte genügt und die Situation wäre eskaliert. Die Brücke ist auch bekannt unter dem englischsprachigen Namen „Bridge of Spies“. 

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Schloss Cecilienhof. Hier fand die Potsdam Konferenz statt. Der Ort, wo die Siegermächte Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg geografisch und politisch neu ordneten.

Angespannt bin ich weniger, als ich diesen historischen Ort passiere und nun dem Ufer des prächtigen Jungfernsees folge. „So ein schönes Fleckchen“, geht es mir durch den Kopf. Eine Fähre tuckert mit hohem Tempo über den breiten See. Die Sonne glitzert im sich leicht kräuselnden Wasser.

Auch hier bei Potsdam gibt es einen äußerst historischen Ort: Schloss Cecilienhof. Zwischen den Jahren 1913 bis 1917 ließ Kaiser Wilhelm II. die Residenz errichten, war im August 1945 Schauplatz für die Unterzeichnung des Abkommens der Siegermächte nach dem Zweiten Weltkrieg, welches die Teilung Deutschlands in vier Teile besiegelte. Die „Potsdamer Konferenz“ regelte die Nachkriegsordnung auf dramatische Art und Weise.

Heilandskirche Sakrow

Prächtige Häuser stehen hier am Wegesrand. Die Grundstückspreise müssen horrend hoch sein. Der Blick über die Seenlandschaft will bezahlt werden. Ich umrunde den Lehnitzsee, das Ufer lädt zum Verweilen ein. Es geht durch schattige Wälder, bevor ich staunend vor der Heilandskirche Sakrow zum Stehen komme. 

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Die wunderschöne und außergewöhnliche Kirche, ausgestattet mit einem fantastischen Fresko und viel Marmor, stammt aus dem Jahre 1844. Im italienischen Stil erbaut, aber mit frei stehendem Glockenturm. Zu DDR-Zeiten lag sie genau am Verlauf der Mauer. Da an dieser Stelle mit Fluchtversuchen gerechnet wurde, wurde die Kirche von Sicherheitskräften arg verwüstet. 

Nach dem Mauerfall wurde diese Schönheit zum Glück aufwendig restauriert. Eine wirklich schöne Stelle, um Pause zu machen. Die Kirche, die zum weitläufigen Schlosspark Sacrow mit gleichnamigem Schloss nebenan gehört und etwas ins Wasser hinausragt, steht Besuchern offen.

Weiter geht es entlang des Groß Glienicker Sees. Am Gutspark Groß Glienicke stehen Reste der Sicherungsanlage der Berliner Mauer. Drei unterschiedliche Epochen der perfiden Grenzbefestigung samt Todesstreifen lassen sich hier erkennen. Die Mauer wurde im Laufe der Zeit immer wieder auf den neusten Stand gebracht und ausgebaut.

Die perfide Mauer

Ein Stück geht es jetzt auf einem gut ausgebauten Radweg entlang der Bundesstraße, oder auch Potsdamer Chaussee genannt. Am Ortseingang bei Gartow weiche ich nur wenige Meter vom Weg ab und stärke mich beim örtlichen Bäcker. Die Vanille-Schnecke ist göttlich, sie schmeckt fantastisch. Leider war es die Letzte, davon hätte ich mehr essen können!

Ich sitze ein paar Minuten vor der Bäckerei, die Verkäuferin hat mir extra ein Sitzkissen rausgebracht, obwohl ich sagte, dass das nicht sein muss. Sehr nett. Ich sinniere über das bisher Erlebte und Gesehene. Und noch immer kann ich es fast nicht glauben, wie man so ein Bollwerk errichten konnte, hinter dem so ein schizophrenes System steckte.

An der Spandauer Straße, die an der Stelle der früheren Mauer in die Falkenseer Chaussee übergeht, stehen zahlreiche Informationstafeln zur Geschichte dieses Ortes. Die Fotos und Texte sind unheimlich interessant. Es dauert zwar, wenn man alles lesen möchte, ist aber äußerst informativ und interessant, um die Geschichte zu verstehen.

Die Vorstadt hinter mir lassend, geht es nun in den Spandauer Forst. Der Weg ist an dieser Stelle prima, aufpassen muss man nur auf den eigentlich guten Asphalt, der von Baumwurzeln an diversen Stellen hochgedrückt wird. 

Die Exklave Eiskeller

Ich komme zum Abzweig nach Eiskeller, einer Exklave West-Berlins. Nicht mehr als zwanzig Menschen lebten hier, verteilt auf drei Bauernhöfe. Zugang gab es nur auf einen sehr schmalen Korridor von vier Metern Breite! 

Der damals zwölfjährige Schüler Erwin behauptete eines Tages, er wäre von Volkspolizisten auf dem Weg zur Schule in Spandau aufgehalten worden, als er durch diesen Korridor musste. Danach wurde er jedes Mal von einem britischen Spähpanzer begleitet. Verrückt. Doch erst rund 33 Jahre später gab er zu, dass diese Geschichte nur erfunden war, um die Schule zu schwänzen.

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Grenzturm Hennigsdorf, heute ein kleines Museum.

Ein Stück weiter, dem Verlauf der Havel folgend, steht noch einer von insgesamt vier erhaltenen Wachtürmen. In dem Grenzturm bei Hennigsdorf, im Ortsteil Nieder Neuendorf, von wo die Sicherheitskräfte besten Blick auf die Havel hatten, ist heute ein kleines Museum eingerichtet. 

Ich wechsele die Uferseite am Oder-Havel-Kanal und gelange zum ehemaligen Grenzübergang Stolpe. Hier wurde der Transitverkehr über die A111 durch die DDR nach Polen und in die skandinavischen Länder abgefertigt. Nach West-Deutschland ging es hier nicht.

Grenzverlauf

Vor Hohen Neuendorf führt der Mauer-Weg durch Fichten- und Kiefernwälder. Und plötzlich stehe ich vor dem ehemaligen Grenzturm Berlin-Frohnau/ Bergfelde. Auffällig die gute Restaurierung. Der Grund: der Grenzturm gehört heute der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW). Hier können Schulen oder Kindergärten spannendes zu Natur UND zur Geschichte lernen.

Makaber finde ich, wie die DDR unter allen Umständen Fluchtversuche verhindern wollte. Dazu wurde an vielen Stellen der berüchtigte „Stalinrasen“ ausgelegt. Innerhalb eines flachen Metallrahmens wurden Metallspitzen angebracht. Wer von der Mauer heruntersprang, wurde unweigerlich durchbohrt! Die Platten waren gut versteckt im Boden. Noch heute muss bei Bauarbeiten in der Nähe des ehemaligen Grenzverlaufs aufgepasst werden, dass niemand eventuell in diese übersehenen Konstrukte hineingerät! 

Ein Stück weiter im Wald, rund um den Hubertussee, fahre ich wieder ein kleines Stück über Kopfsteinpflaster. Dem Mauerstreifen Bieselheide folge ich dem Vorort Frohnau entlang. Der Weg führt mich durch Wohngebiete. In Berlin-Reinickendorf entdecke ich ein weiteres Mauerstück. 

Die Wohnhäuser sind schick. Das Naturschutzgebiet „Tegeler Flies“ ist mit seinen Sanddünen sehenswert. Der Verlauf des Mauer-Wegs windet sich an dieser Stelle um die Wohnorte herum bis zum Märkischen Viertel. Alles sieht sehr idyllisch aus. Ein heutiger Traum zum Radfahren, aber ein Albtraum für die damalige Bevölkerung.

Am Wilhelmsruher Damm entdecke ich weiteres Stück Mauer. Davor steht ein Kunstwerk aus Metall, das als „Berlin Bird“ bekannt ist. Der Vogel blickt dabei über die Mauer. Als ich so davor stehe, entsteht ein Augenblick, den ich wohl nie vergessen werde. Einer dieser Momente, wo Zeit und Raum völlig egal werden und man nur noch zuhören will.

Ein älterer Herr spricht mich an. Ob ich denn etwas wissen möchte? Ich bin überrascht, aber finde das sehr nett und befrage ihn zu dem Kunstwerk. Und dann fängt er an, zu erzählen. Wie es hier früher aussah, dass er seinen Schrebergarten direkt an der Grenze hatte und dass er oft beobachten konnte, wie Grenzer durch ein kleines Tor in der Mauer kamen, um Fotos in Richtung Westen zu machen. Dabei liefen sie auf einem schmalen Streifen vor der Mauer her, denn die Mauer stand nicht direkt auf der Grenze, sondern etwa anderthalb Meter davor.

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Der „Berlin Bird“.

Auch von der Wende erzählte er mir. Damals stand er kurz vor der Rente in einem Betrieb, als er einen neuen Vorgesetzten bekam. Jemanden von „Oben“, der durch Posten-Geschacher seine Schäfchen ins Trockene brachte. Dessen Stellvertreter war „rein zufällig“ der Nachbar und Patenonkel der Tochter. Und dann sprach dieser nette ältere Herr einen Satz, der hängen blieb: „Diese ,Leute’ der DDR, die waren ja nach der Wende nicht einfach so weg!“

Wie die Vetternwirtschaft da vorangetrieben wurde, lässt sich fast nicht ausmalen, aber anhand dieses Satzes erkennen, dass dies mit Sicherheit nicht der einzige Fall gewesen ist. Wie viele sich innerhalb des Systems der DDR mitschuldig gemacht haben und dann in einer Art und Weise untergetaucht sind, um ein braves bürgerliches Leben vorzutäuschen, lässt sich nicht beziffern. 

Was dabei alles an Geld, Häusern und Grundstücken über dubiose Kanäle verschoben wurde, darüber lässt sich ebenfalls nur spekulieren. Doch dass dies alles wirklich geschehen ist, darüber gibt es keine Zweifel.

Mulmig wurde mir auch, als er mir erzählte, dass wenn er dort vorne durch die Felder und Wiesen spazieren gehen würde, dort, wo die Mauer verlief, dann nur über die ausgetretenen Pfade. „Man solle sich da besser nie sicher sein!“, erzählt er mir. Gruselig.

Kurz nach der Gedenkstätte Bösebrücke, Blick Richtung Gesundbrunnen.

Mit durcheinander wirbelnden Gedanken fahre ich weiter. Nach dem Mauerstreifen Schönholzer Heide komme ich zur Gedenkstätte Bösebrücke an der Bornholmer Straße. Dieser Grenzübergang war der erste, der am 9. November 1989 von den Grenztruppen geöffnet wurde! Der Druck der Massen war zu groß geworden, die Mauer fiel! Die Filmaufnahmen aus der damaligen Zeit wird fast jedes Kind schon einmal gesehen haben.

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Wandgemälde in Berlin.

Im sogenannten „Mauerpark“ ist bei diesem schönen Wetter einiges los, als ich mit dem Fahrrad dadurch fahre. An einem Hang sitzen zahlreiche Leute friedlich bei Wein oder Dosenbier und genießen die noch warmen Strahlen der untergehenden Sonne.  Auf den Wiesen spielen Kinder Fußball, auf dem Court wird Basketball gespielt. Es fühlt sich gut an, dass dies heute möglich ist.

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Mauer-Park an der Bernauer Straße. Hier lag auch in der Nähe der „Tunnel 57“, ein Fluchttunnel, der eine Länge von 145 Metern hatte und durch den am 3. und 4. Oktober 1964 namensgebend 57 Menschen aus der DDR flüchten konnten.

Die zentrale Gedenkstelle der Mauer befindet sich an der Bernauer Straße. Ich befinde mich jetzt wieder im Zentrum Berlins. Die Mauerreste mit Todesstreifen sind imposant und abschreckend. Was sie einst für die Menschen und ihr Leben bedeutete, wird an dieser Stelle sehr  eindrucksvoll deutlich gemacht. Ein Besuch ist äußerst lohnenswert.

Am Spandauer-Schifffahrtskanal entdecke ich einen weiteren ehemaligen Grenzturm. Eingerahmt von Wohnhäusern, wirkt er recht unscheinbar. Doch an dieser Stelle wurde am 24. August 1961 der erste Flüchtling des DDR-Regimes erschossen. Günter Litfin.

Schon bin ich im Regierungsviertel mit all seinen Bauten. Die Spree liegt rechts von mir. Gegenüber der Reichstag. Dort am Ufer gab es ebenfalls Tote bei Fluchtversuchen zu beklagen. Die Gedenkstätte „Weiße Kreuze“ erinnert an sie.

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Hier wurde der erste DDR-Flüchtling, Günter Litfin, erschossen. Grenzturm an der Spree.

Am Brandenburger Tor, dort, wo heute unzählige Touristen Selfies machen möchten, verlief ebenfalls einst die Mauer. Durch das Gewusel fahre ich zum Potsdamer Platz. Der ist sehr geschichtsträchtig. Schon im Juni 1953 gab es hier blutige Auseinandersetzungen, Panzer der Sowjetunion stellten sich tausenden von Protestierenden gegenüber.

Als die Mauer hier ab 1961 über den Platz führte, wurden viele Gebäude gerade im Ostteil abgerissen. Die DDR versuchte auf großem Abstand zum Westen zu gehen. Hier gab es deshalb auch den breitesten Abschnitt des berüchtigten Todesstreifens. 

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Nie wieder Krieg und Teilung.

Und dann bin ich wieder am Ausgangspunkt meiner Tour, am Checkpoint Charlie, angekommen. Was für eine geschichtsträchtige Runde! Nicht schwer zu fahren mit dem Fahrrad. Ganz und gar nicht. Aber die Tour kann einen durchaus nachdenklich stimmen, einen betroffen machen. Da wurde ein perfides System installiert, mit Überwachung der eigenen Bürger in großen Ausmaß. Wo selbst der Nachbar ein Spitzel sein konnte. 

Und unter allen Umständen wurden die Bürger der DDR in ihren Freiheiten beschnitten. Auf Biegen und brechen, wurden sie im Land gehalten. Oftmals mit Gewalt, die bei Fluchtversuchen dann meist tödlich endete. 

Ich kann diese Radtour nur wärmsten empfehlen. Wer an deutsch-deutscher Geschichte interessiert ist, der wandelt hier auf echten Pfaden der Geschichte. Die Stelen, die entlang dieses Weges aufgestellt wurden, sind gut gemacht und sehr informativ. Sie geben den Opfern der Mauer ein Gesicht. Dazu erinnern sie beeindruckend an die Schicksale der Menschen, die von dem System der DDR genug hatten und sich ein besseres Leben im Westen erträumt hatten und dafür mit den höchsten Preis zahlen mussten – dem Tod.

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Bei meinen Radtouren werde ich freundlicherweise unterstützt von zwei tollen Supportern:

Dank antidot bikecare – made in Deutschland habe ich ein stets ein perfekt sauberes Rad!

Und mit helden.de bin ich auf all meinen Touren perfekt abgesichert! Euer persönlicher Support-Code: BITO2

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