Provence,Mont Ventoux, Rennrad,Radsport,Berge,Frankreich
TOUREN

Ein Puzzleteilchen am Mont Ventoux

Der Mont Ventoux! Der Riese der Provence. Der kahle Berg. Im Radsport ein Mythos. Unzählige Legenden ranken sich um diesen Berg, dessen kahle Spitze schon von weitem ins Auge fällt. Was für Dramen haben sich dort schon abgespielt, man denke da nur an „Tommy“ Simpson, der dort am Berg während der Tour De France 1967 wohl wegen unglücklichen Umständen ums Leben kam. Welche Leiden mussten an den Hängen schon ertragen werden, ob von den Profis oder von denen, die einfach nur gerne Rennrad fahren und auch einmal in ihrem Leben diesen Berg bezwingen. Selbst Schuld, man muss das ja nicht tun. Man sucht sich das ja selber aus.

Mir erging es nicht anders. Als feststand, dass ich dieses Jahr die Möglichkeit haben sollte, den Mont Ventoux selber be- und zu erfahren könnte, da wurde mir ganz kribbelig. Zu viel hatte ich schon über den heiligen Berg des Radsports gelesen. Und plötzlich stand ich mit meinem Rennrad selber am Fuße dieses magischen Bergs.

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Die Legende unter den Bergen im Radsport. Der Mont Ventoux.

Voller Ehrfurcht und mit viel Respekt trat ich die ersten aufsteigenden Meter in die Pedale, die sofort hinter Malaucène hinaufführen. Ohne Umschweife ging es direkt in die ersten Serpentinen. An mir rauschten in dem Moment noch zwei weitere Rennradfahrer vorbei. Oha, was gingen die den Berg an! Wie schwach und gebrechlich war ich dagegen? Motivation sah in dem Moment anders aus. Doch davon durfte ich mich nicht beirren lassen.

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Früh morgens fuhr ich los, um den Massenansturm zu entkommen.

Ich musste mein Tempo finden, das war wichtig. Mich nur auf mich selber konzentrieren. Mein Ziel war es, ohne einmal den Fuß auf den Boden zu setzen oben an der Spitze an dem legendären Schild mit der Höhenmeter Angabe anzukommen. 1909 Meter hoch! Ich hatte die besten Voraussetzungen an diesem Tag. Es war früh, die Sonne schien noch nicht mit voller Kraft und der Himmel zeigte sich von seiner schönsten Seite. Als ob der Mont Ventoux mich mit offenen Armen empfangen würde. 

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In Malaucène wird der Historie des Radsport gehuldigt.

Relativ zügig für meine Verhältnisse erklomm ich schnell einige Höhenmeter. Den Blick oft auf den Radcomputer gerichtet, um meine Herz- und Trittfrequenz im Auge zu behalten. Ja nicht überpacen, meinen Rhythmus konsequent beibehalten. Das gelang mir tatsächlich recht gut. Und siehe da, vor mir tauchten, einer nach dem anderen, wieder die beiden Rennradfahrer auf. Ich kassierte sie tatsächlich ein. Nicht auf verbissene Art, sondern ich freute mich im stillen Kämmerlein, dass ich anscheinend ja doch gar nicht so schwach, schwankend und kraftlos fuhr. 

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Auf den Mont Ventoux gelangt man aus drei verschiedenen Richtungen. Alle sind sie unterschiedlich schwer zu fahren. Die Auffahrt von Sault ist wahrscheinlich die einfachste, legt man die Steigungsprozente zugrunde. Recht moderat geht es hinauf, wobei moderat auch eine Auslegungssache ist. Und das auch nur bis zum Chalet-Reynard, ab dort gelangt man schon kurz darauf in die Steinwüste, die Bäume hinter sich lassend. Je nach Wetterlage lässt das die Sinne schon mal verrückt spielen.

Von Bédoin aus den Riesen in Angriff zu nehmen ist die anforderungsvollste Strecke. Rampen im zweistelligen Prozent-Bereich lassen jeden Rennradfahrer ordentlich ins Schwitzen kommen. Hier trennt sich bei der Tour de France oftmals die Spreu vom Weizen. Und wenn nicht hier, dann auf demselben Teilstück hinauf, ab dem Chalet-Reynard. Denn hier trifft der Weg von Bèdoin aus ebenfalls auf das letzte, härteste Stück des Aufstiegs. Nicht selten, ohne den gefürchteten Mistral-Wind um die Ohren geweht zu bekommen. 

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Schwerstarbeit mit Ausblick.

Videos von Radfahrern, die ihre Fahrräder oben auf dem Mont Ventoux mal eben so einfach hoch in den Wind halten und dabei fast weggepustet werden gibt es zuhauf im Netz. Mir blieb dieses Wind-Fiasko zum Glück erspart. Ich kurbelte eine Pedalumdrehung nach der anderen vor mir hin. Ein Höhenmeter nach dem anderen sammelte ich ein. Eine Kehre nach der anderen erklomm ich auf traumhaften Asphalt, der vor nicht allzu langer Zeit wie ein neuer Teppich ausgebreitet worden war. 

Was müssen das für Zeiten gewesen sein, als die Wege hinauf auf den Berg noch nicht so luxuriös gewesen waren? Wie hart und beschwerlich muss das Radfahren an den Flanken gewesen sein? Wo heute gefühlt jeder Kieselstein bei der TDF weggefegt wird, lagen wohl eher die dickeren Klopper auf dem Weg. Die, die für viele Reifenschäden verantwortlich waren.

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Ich war nicht alleine unterwegs an den noch grünen Flanken des Mont Ventoux.

Ich dagegen fühlte mich schon ein wenig gepudert mit diesem fantastischen Untergrund. Obwohl es schon sehr beschwerlich war, erging es mir noch gut. Das härteste Teilstück kam ungefähr zur Hälfte. Auf rund vier Kilometern bekommt der begeisterte Rennradfahrer im Schnitt um die 10 % unter den Reifen serviert. Knackig. Sportlich.

Aber da das Gericht an diesem Tag mit herrlichen Ausblicken garniert wurde, fiel mir das stetige Treten, das permanente Schwitzen und Leiden etwas leichter als ich vermutet hatte. Ich hatte im Vorfeld viel über den Berg der Berge im Radsport gelesen. Geschichten von Massakrierung auf dem Rad, von verzweifelten Aufgaben, Wetterunbilden, dramatischen Eroberungen und Untergängen an den Flanken des Berges hatten sich in meinen Kopf festgesetzt. Ich wartete förmlich darauf, dass mir das Schicksal hier am Mont Ventoux ebenfalls ein Desaster bereiten würde. 

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Und dann war die Spitze plötzlich so nah!

Nichts passierte! Keine möglichen Wetterumschwünge, kein Regen oder zumindest dunkle Wolken sollten meinen Weg kreuzen. Aussichten bis zum Horizont und wohlige Wärme vom schwitzenden Rücken bestimmten eher meinen Aufstieg. Das Lächeln in meinem Gesicht war trotz der Anstrengung wahrscheinlich deutlich zu erkennen.

Und dann sah ich plötzlich die Spitze des Mount Ventoux dort oben vor mir! Ein wahnsinniges Gefühl, wenn man weiß, man wird es schaffen. Nachdem man so viel über diesen Gipfel gehört hat, dessen Aussehen gerne oft als eine Art Mondlandschaft beschrieben wird, kommen tatsächlich Emotionen hoch. Dadurch, dass man diesen Sport so liebt, man sich so sehr auf diesen Moment fokussiert hat, ist dieser Augenblick unbeschreiblich.

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Kleines Quiz: welcher Radprofi verbirgt sich hinter dem Spitznamen „Juju“ wirklich?

Noch ein paar Höhenmeter, um die Kurven herum, den Fotografen entkommend, die einen ungefragt beim Hecheln bergaufwärts knipsen und einem prompt die Visitenkarte zustecken, damit man später diese Fotos kostenpflichtig herunterladen kann und dann ist es geschafft.

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Von unten hinauf.
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An der Spitze übernimmt das Geröll die Oberhand.
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Nur wenige Meter vor dem Ziel.

Ich war oben! Ohne einmal den Fuß auf den Boden gehabt zu haben! Wahnsinn. Nur knapp über zwei Stunden habe ich gebraucht! Hier, genau an der Stelle, wo ich stehe, war vor wenigen Tagen noch das Peloton der Tour De France vorbeigerauscht ist. Dieses Jahr mussten die Profis den Berg sogar gleich zweimal auf einer Etappe bezwingen! ich habe es gerade nicht auf dem Schirm, aber wahrscheinlich schafften sie das in der gleichen Zeit oder noch schneller, wie ich für einmal hoch!

Demütig stand ich vor dem Höhenmeter-Schild des Mont Ventoux, das zugekleistert war mit allerlei Aufklebern, die irgendwelche Radfahrer dort quasi als „Revier-Markierung“ hinterlassen haben. Ich fragte mich, wie oft dieses Schild ausgewechselt werden muss. 

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Traumziel erreicht. On Top Of The „Radsport“-World.

Ich versuchte ein Foto von mir vor dem Schild zu bekommen und fragte irgendeinen Radfahrer, ob er mich eben knipsen könnte mit meiner Kamera. Es standen einige Rennradfahrer dort an diesem magischen Punkt. Aber ich schaffte es, mir meinen verdienten Platz vor diesem Schild zu ergattern und grinste in die Kamera. Klick.

Auf rund 21 Kilometern hatte ich 1576 Höhenmeter erklommen. Und das Schöne: Ich merkte zwar etwas die Beine, ich war aber ganz weit davon entfernt müde zu sein. Ich war rundherum zufrieden mit mir. Etwas unbeholfen genoss ich die herrliche Aussicht und sah den anderen Radfahrern zu, die nach mir jetzt oben ankamen. Geschundene, aber glückliche Gesichter. Die einen wurden von ihren Liebsten bereits oben empfangen, die anderen erreichten das Plateau in einer Gruppe oder alleine. 

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Aber alle hatten sie eins gemeinsam, mich eingeschlossen: Ein Gefühl voller Glückseligkeit intus, dass auch auf der Abfahrt in Richtung Sault anhielt. Nur wenige Meter unterhalb des Gipfels, unterbrach ich den Geschwindigkeitsrausch um Tom Simpson an seinem Denkmal meine Ehre zu erweisen.

Hier, ganz genau an dieser Stelle, starb der Brite während des Aufstiegs auf dem Mont Ventoux bei der Tour De France im Jahre 1967. Offiziell an Dehydrierung, doch am Ende war er der erste Doping-Tote bei der TDF. Ein Cocktail von Alkohol, Amphetaminen und Dehydrierung nahm ihm das Leben. Doch der Mythos nahm seinen Lauf und Toms Geschichte ist unzertrennlich mit dem Mont Ventoux verbunden. Seine angeblich letzten Worte sind jedem Rennradsportler allgegenwertig: „Put me back on my bike!“

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Viele Radfahrer legen an den Stufen seines Denkmals kleine Geschenke ab. Meist Trinkflaschen, kleine Fotos, Glücksbringer. Auch ich habe extra für die Ehrerbietung eine alte Trinkflasche mit meinem Logo darauf mitgenommen und dort abgelegt. Somit trage auch ich dazu bei, die Legende Tom „Tommy“ Simpson im Gedächtnis des Radsports zu halten. Ich hielt einen Moment inne. Komisch, wie sehr einem das Schicksal eines unbekannten Menschen doch betroffen machen und wie tief man in die Radsport-Historie eintauchen kann. 

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Zahlreiche Rennradfahrer kamen mir bei meiner Abfahrt entgegen und quälten sich bergauf. Es wurde voll am Berg.
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Am Mont Ventoux schliesst man schnelle neue Freundschaften 😉

Ich schwang mich wieder auf mein Rennrad und gab mich dem Rausch der Abfahrt hin. Am Mont Ventoux wurde es jetzt voll. Unzählige Rennradfahrer kamen mir entgegen, quälten sich ab, kamen kaum von der Stelle. Ihre Haut glänzte vom Schweiß in der Sonne. Ich hatte zeitlich alles richtig gemacht und entkam der Meute, die den Berg jetzt von allen Seiten wie Heuschrecken befielen. Einmal auf dem Mont Ventoux mit dem Rad, für viele der Inbegriff vom Radsport.

Ein kurzer Stopp noch am legendären Charlet-Reynard, schnell einen Espresso reingeschraubt, einen neuen Freund gefunden in Form eines Wildesels und schon stürzte ich mich weiter die Straße nach Sault hinunter. Ich genoss jede Kurve. Glücksbeseelt, dankbar und demütig. Dafür, dass ich ein winziges Puzzelteilchen am Mythos Mont Ventoux sein durfte.

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Es wird für immer ein Highlight in meinem bescheidenen Radsport-Leben bleiben.

Infos rund um den Mont Ventoux

  • Website für das Wetter direkt am Mont Ventoux! Mit Windgeschwindigkeiten und Temperaturangaben! Sehr hilfreich!
  • Buch-Tipp: „Der kahle Berg“ von Lex Reurings & Willem Janssen Steenberg. Mehr geht fast nicht, wenn es um den Mont Ventoux geht. Lesenswert. ISBN 978-3-95726-046-8
  • Weiterer Buch-Tipp: „Put Me Back On My Bike“ – Die Tom Simpson Biographie. Von William Fotheringham. Absolut lesenswert, wenn man mehr von diesem tragischen Helden erfahren möchte. Gänsehaut. ISBN 978-3-936973-29-7
  • Quäldich.de Website mit Pässe-Lexikon! Hier findet man detaillierte Höhenmeterangaben und Grafiken zu allen drei Aufstiegen und weitere Infos. Sehr schön und interessant gemacht!
  • Wer jetzt Interesse hat an einer weiteren Gipfelerstürmung von mir, der kann hier meinen Bericht über die Auffahrt zum Monte Grappa in Italien nachlesen.

 

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3 Comments

  • Bärtschi Olivier

    Hallo Tom,
    Erstmal gratuliere ich Dir zu dieser Leistung. Der Mont Ventoux ist schon der Mount Everest, zumindest der K2 unter den Radsportbergen. Ich habe Deinen Blog interessiert gelesen. Nun was für Dich der Mont Ventoux ist, ist für mich vielleicht die Schwägalp in der Schweiz. Google mal nach „Schwägalp Strava“ dann findest Du das Segment. – Vielleicht magst Du Dich daran erinnern, dass ich auf Deinen Testbericht über das Stevens Stelvio geschrieben hatte. Und wenn ich das richtig gesehen habe auf Deinen Bildern bist Du mit dem Stelvio auf den Mont Ventoux hoch gefahren? – Das Rad habe ich übrigens bestellt. Nur eben leider wegen meines Unfalls im April werde ich es wohl erst nächstes Jahr einfahren und geniessen können.
    Ich wünsche Dir weiterhin schöne Touren und allzeit sichere Fahrt.
    Viele Grüsse vom Bodensee.
    Olivier

    • bikingtom

      Hallo Olivier!
      Ich bin tatsächlich mit dem Stelvio den Mont Ventoux hoch, das ging recht gut mit dem Rad! und war ein echtes Erlebnis!

      Schade, dass du einen Unfall hattest. Ich wünsche dir schnelle Genesung, damit du dein Stelvio ebenfalls in vollen Zügen genießen kannst! 🙂

      Herzliche Grüße aus dem Ruhrpott,

      Tom

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