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TEST

Aerothan – Der Fahrradschlauch neu gedacht

Die Aerothan-Fahrradschläuche wurden mir im Rahmen dieses Tests kostenlos von Schwalbe zur Verfügung gestellt. Der Artikel spiegelt wie alle meine Test jedoch stets meine persönliche Meinung wieder. Trotzdem könnte dies als Werbung empfunden werden. Aber ihr könnt damit umgehen. 😉

Aerothan, das Wort könnte auch aus einem Marvel-Film stammen und einen neuen Superhelden benennen. Ob die Entwickler von Schwalbe bei der Namensgebung des neuen Tubes daran gedacht haben, weiß ich nicht. Doch eine gewisse Ähnlichkeit mit Superlativen dürfte schon gewollt sein.

Ich bin auf den neuen High-End Fahrradschlauch aufmerksam geworden, weil er genau die Eigenschaften bieten soll, von der jeder Radfahrer träumt. Wesentlich höhere Pannensicherheit, geringer Rollwiderstand, simple Montage, stabiles Fahrverhalten auch mit geringem Druck und dazu noch in allen Teilen, also samt Ventil, zu 100 % recyclebar! 

Welcher Radfahrer bekommt da keine leuchtenden Augen? Für mich ist das gerade als Pendler sehr interessant, wenn ich quer durch die Stadt fahre und an gewissen Plätzen vorbeikomme, wo schon mal Scherben liegen können, auf Trassen spitze Steinchen aus dem Boden lugen und die Straßen nicht immer im besten Zustand sind. 

Da ich ja bekanntlich gerne auf „Gravel-Terrain“ unterwegs bin, ist der Aerothan dort ebenfalls eine Alternative, gerade um mit geringem Druck zu fahren. Zusätzlich verfügt er als Ersatz für unterwegs über ein kleineres Packmaß und unheimlich wenig Gewicht. In der getesteten Ausführung (40-622) sage und schreibe nur 61g! 

Der Anschaffungskosten für die neuen Aerothan-Schläuche sind jedoch recht hoch. Schwalbe begründet das mit höheren Rohstoffpreisen gegenüber Gummiprodukten, den hohen Entwicklungskosten und der Prozesstechnik, die dahinter steckt. Dafür wird direkt am Headquarter in Reichshof produziert, wo eine neue Infrastruktur geschaffen werden musste.

Made in Germany. Sehr erfreulich, doch nun wird es Zeit, den neuen Wunder-Fahrradschlauch einmal näher unter die Lupe und die Räder zu nehmen.

TECHNIK

Schauen wir uns das also mal näher an. Schwalbe möchte den Fahrradschlauch mit dem Aerothan quasi neu erfinden. Über Jahre wurde mit hohem Aufwand daran erforscht und erprobt. Fündig wurde Schwalbe in Zusammenarbeit mit BASF dann mit dem schon lange bekannten Material TPU (thermoplastisches Polyurethan). Dieses Material wird unter anderem gerne als Dämmmaterial eingesetzt.

Die Anforderungen bei einem Fahrradschlauch sind extrem hoch, TPU als Schlauch jedoch nicht gänzlich unbekannt. Schwalbe ist es  gelungen, die Hitzebständigkeit so zu verbessern, das dies erlaubt, den Schlauch auch bei Felgenbremsen zu verwenden! Man kann somit fast sagen, dass sie das Material TPU neu erfunden haben.

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Foto: Schwalbe

Der weiße, durchsichtige Schlauch musste aber auch mit dem Ventil, übrigens auch aus TPU, verbunden werden, was in der Produktion mit einem hochpräzisen Laser geschafft wird. Vielschichtige Tests mussten beweisen, dass die Nähte den hohen Beanspruchungen auch in der Praxis standhalten. Die Tests waren erfolgreich und Schwalbe meldete das Produkt sogar zum Patent an!

MONTAGE

Wie gibt sich der Aerothai-Schlauch nun in der Praxis? Die Montage des Schlauches erfolgt im Grunde genauso wie bei einem normalen Fahrradschlauch aus Butylkautschuk. Ich habe den Schlauch wie in der Anleitung auf 0,3 bar aufgepumpt, mehr Druck soll man dabei nicht verwenden. Sobald der letzte kleine Knick aus dem Schlauch raus und er rund ist, entspricht dies den Angaben und man kann ihn problemlos einlegen.

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So leicht, so durchsichtig.

Der Vorteil beim Aerothan ist, dass er sich nicht unter dem Mantel verklemmt, wie es ärgerlicherweise bei der „normalen“ Schlauch-Montage passieren kann. Bei Einführung des Ventils fiel mir auf, das es keine Felgenmutter braucht! Etwas überraschend aber tatsächlich macht das keine Probleme, denn der Aerothan ist formstabil und verrutscht nicht! 

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Nicht mehr als 0,3 bar und schon liegt der Aerothan sicher innerhalb des Mantels.

FAHRPRAXIS

Ich habe zwei unterschiedliche Reifen verwendet, beide allerdings in 40 mm. Einmal die G-One Ultrabite (vorne) und die G-One Bite (hinten). Um den Gegensatz zu meinem üblicherweise verwendeten Druck (bei Pendlerfahrten mit normalem Schlauch) zu spüren, habe ich die Reifen auf 3,8 bar aufgepumpt. Hauptsächlich auf Asphalt fahrend rollt es sich mit normalen Butylschläuchen damit flott. 

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Test-fertig.

Bei den Aerothan fiel mir schnell der geringere Rollwiderstand auf. Zuerst habe ich gedacht, ob sich das wirklich so deutlich bemerkbar machen könne? Aber nach zigtausenden Kilometern mit normalen Schläuchen kann ich den Unterschied tatsächlich spüren! Bemerkenswert. Was ich jedoch auch deutlich spüren tue, sind die Unebenheiten auf den Straßen. Kleine Kanten oder Unebenheiten in der Fahrbahndecke schlagen wesentlich unangenehmer durch als es sonst der Fall ist. Nicht umsonst also, dass Schwalbe sagt, der Aerothan kann mit weniger Druck gefahren werden. 

Schneematsch und leicht gravelige Wege boten sich hier im Ruhrpott direkt mal an, den Druck wesentlich zu verringern, um genau dies auszuprobieren. Ich bin runter auf 1.6 bar und war völlig perplex wie sicher sich das Rad abwechselnd durch den Schneematsch und auf nackten Asphalt steuern ließ. Wo ich mit Tubeless bei dem geringen Druck (subjektiv) das Gefühl habe langsam aber sicher dann doch zu „eiern“ ist dies mit den Aerothan nicht der Fall. Mit normalen Butylschlauch ganz zu schweigen. Ich war positiv überrascht.

Bei Bodenverhältnissen ohne Schneematsch, mit Asphalt, feinem Kies, leichtem Schotter und feuchten Feldwegen pendelte sich mein bevorzugter Reifendruck zwischen 2,2 und 2,5 bar ein. Eine Wohlfühlzone, bei der ich für alles gewappnet bin. Das Rad ist zu jederzeit sicher zu handeln, der Komfort gefällt. Man sollte allerdings beachten, dass man „meinen“ Druck nicht pauschalisieren kann, da es ja Unterschiede bei Gewicht, Zuladung und Vorlieben gibt. Schwalbe gibt an, dass man sich ruhig an den Empfehlungen bei Tubeless richten kann.

PANNENSICHERHEIT

Bisher, auf einigen hundert Kilometern, gab es keinerlei Pannen. Ob Zufall oder ob es doch Durchstiche zwischenzeitlich gab, der Aerothan-Schlauch dabei aber nicht angegriffen wurde, konnte ich nicht feststellen. Fakt ist, dass in Durchstich-Tests (Plunger Test genannt) der Aerothan nach Angaben von Schwalbe allen anderen Schläuchen weit überlegen ist, das Dehnverhalten ist vergleichbar mit Latex-Schläuchen.

Snake Bikes, das Einklemmen des Schlauchs bei zu geringem Druck, entfällt beim Aerothan ebenfalls. Etwas also, was mir ja beim ORBIT360 im letzten Jahr dummerweise passiert ist. Das klingt in der Theorie alles verdammt gut! In der Praxis habe ich jedoch weiterhin ein wachsames Auge darauf und werde berichten, wenn es doch einmal einen Defekt geben sollte.

Wer dann doch einmal eine Panne erleidet, muss nicht verzagen. Ein weiteres Merkmal des Aerothans ist, dass die Luft nicht schlagartig entweicht, sodass sich das Rad wesentlich sicherer zum Stehen bringen lässt. Dazu gibt es für den Aerothan die selbstklebenden sogenannten Glueless Patches, womit sich entstandene Löcher wieder schnell verschließen lassen. 

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Spitze Sternchen? Kein Problem für den Aerothan! (Beispielfoto)

UMWELT

Schwalbe ist dafür bekannt, ein eigenes Schlauch-Recyclingystem zu haben. Mit den Aerothan ist es nicht anders. Schwalbe wirbt damit, sie seien zu 100% recyclebar. Man kann die Schläuche an Schwalbe zurückschicken beziehungsweise bei vielen Händlern abgegeben werden. Das Material findet dann eine Weiterverwendung als Dämmmaterial! Vorbildlich.

VERSIONEN

Den Aerothan gibt es für verschiedene Einsatzzwecke, allerdings bisher ausnahmslos mit 40 mm-Ventil. Auf Nachfrage bestätigte mir Schwalbe, dass im Frühjahr/ Sommer weitere Ventilschaftlängen in 60 mm und 80 mm das Rennrad- und Gravelportofolio ergänzen werden. Alle weiteren Infos zu den unterschiedlichen Versionen findet ihr unten in der Übersicht.

FAZIT

Ich bin absolut positiv überrascht. Der Aerothan hat großes Potenzial. Fahrverhalten und Pannensicherheit sprechen für sich. Der spürbare Vorteil durch den geringen Rollwiderstand überrascht. Dazu bietet er auf Touren als Ersatzschlauch ein kleines Packmaß und ein sehr attraktives Gewicht. Die Montage kann ebenfalls überzeugen, da ein Einklemmen des Schlauches so gut wie nicht möglich ist. Eine Sauerei, wie es bei Tubeless mit der Dichtmilch schon mal vorkommen kann entfällt komplett, der verwendbare Druck ist im Aerothan aber sehr ähnlich. Das gefällt. 

Größtes Manko ist jedoch der hohe Preis, der vielleicht einige Leute abschrecken kann. Dass sich die Pannensicherheit durchaus wesentlich erhöht und man dadurch gutes Geld sparen kann, muss sich erst noch in den Köpfen verankern. Der Markt wird zeigen, ob sich der neue Fahrradschlauch durchsetzen kann. Nach Angaben von Schwalbe verlief der Marktstart seit Oktober letztens Jahres bislang recht erfolgreich. Für mich ist der Aerothan eine echte Bereicherung und eine tolle Alternative zu Tubeless oder herkömmlichen Fahrradschläuchen.

PRO & CONTRA

Pro

☺ Einfache und saubere Montage

☺ Geringes Gewicht

☺ Sicheres Fahrverhalten

☺ Sehr geringer Druck verwendbar, ohne zu „eiern“

☺ Spürbar weniger Rollwiderstand

☺ Hohe Pannensicherheit

☺ Komplett recyclebar

☺ Made in Germany

Contra

☹ Bisher (!) nur Sclaverand-Ventil als Ventil-Art (siehe Text)

☹ Hoher Preis

Weitere Infos auf der Homepage von Schwalbe

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