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MOMENTE

(Fahrrad-)Ansichten USA & Kanada

Drei Wochen Urlaub im Nordwesten der USA und Kanada liegen hinter mir. Ein Privileg, ganz gewiss. Und ich weiß, das nicht jeder das Glück hat um so eine Reise zu unternehmen. Daher weiß ich auch dies gut einzuordnen und zu schätzen. Es war allerdings kein reiner Radurlaub. Das vorweg. Ich glaube, da hätte ich von meiner besseren Hälfte ordentlich etwas zu hören bekommen. Dafür hat die Familie das letzte halbe Jahr schon genug mit meinem Fahrrad-„Gedöns“ zu tun gehabt und mussten das ein oder andere Mal zurückstecken. Trotzdem habe ich natürlich versucht, soweit es ging, mir ein Rad zu leihen. Um Städte und Gegenden zu erkunden. So ganz geht es halt doch nicht ohne Fahrrad. Kalter Rad-Entzug hat meist ernste Konsequenzen. Die Entzugserscheinungen machen sich bei mir dann mit Stimmungsschwankungen, schlechter Laune, Lustlosigkeit für andere Aktivitäten, zittrigen Beinen, Angstschweiß, nervösen Blicken auf andere Radfahrer und Fahrräder und verschwindender „Harte-Kanten-Radhosen-Bräune“ bemerkbar. Also etwas suboptimal für den Familienfrieden.

 

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„Fahrrad-Straße“ in Vancouver, Kanada

 

So wurde mir dann zum Glück zwischendurch mal etwas eigene Zeit eingeräumt und ich konnte meine Gelüste zumindest kurzweilig befriedigen. Ein weiterer Vorteil: ich kann euch nun von meinen kleinen Eindrücken berichten. Positiv wie negativ. Ich fange direkt einmal mit der Stadt Portland an.

Portland gilt als Fahrrad-Stadt. Als eine DER führenden Fahrrad-Städte der USA. Es wird viel für den Radverkehr getan, gar keine Frage. Bike Lanes kreuz und quer durch die City. Rege genutzt von den zahlreichen Pendlern. An jeder Ampel, an jeder Ecke, sieht man Radfahrer auf ihren doch meist wirklich schicken Bikes. Der Anteil an Radfahrern im Straßenverkehr soll hoch sein. Was man auch immer an Zahlen darunter verstehen mag. Jedenfalls: darauf ist die Stadt stolz. Sie rühmt sich zum Beispiel damit, die längste autofreie Brücke der USA zu haben. 518 Meter lang ist die „Tilikum Crossing-Bridge“. Nicht schlecht. Vor zwei Jahren – das sind die Zahlen, die ich gefunden habe – rechnete man damit, das im Jahr über 1,3 Millionen Radfahrer diese Brücke nutzen würden. Da horcht man doch auf. Einmal im Jahr gibt es mit dem „Providence Bridge Pedal“ einen Tag, an dem Brücken in der Stadt für den Autofahrer gesperrt werden und nur Fahrräder und Spaziergänger drüber dürfen. Da kamen in diesem Jahr über 9000 Radfahrer zusammen, die sage und schreibe 9 Brücken alleine für sich hatten! Ich habe diesen Event um 2 Tage verpasst…verdammt.

 

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Viel hat Portland nicht zu bieten, aber diese Bike Lane ist nicht ganz so übel, oder?

 

Doch schaut man sich einmal die Radwege an, so bröckelt meiner Meinung nach der Putz doch recht ordentlich. So richtig abgegrenzte Radwege zur Fahrbahn der Autos habe ich wenig gesehen.  Ich würde das eher begleitend nennen. Wie bei uns halt. Mal nur über ein paar Blocks, manchmal aber auch etwas länger. Ich finde, davon fehlen noch zu viele, gerade in der Innenstadt, um sich mit den Titel „Fahrrad-Stadt“ schmücken zu können. Auch die Bemalungen der Straßen mit den entsprechenden Verkehrszeichen für das Radfahren sind teilweise erneuerungswürdig. Nach Straßenarbeiten wird das aber anscheinend dann umgesetzt. Der Wille der Stadt zur wesentlichen Verbesserung ist ihr allerdings nicht abzuschlagen. Das Umdenken in den Köpfen der Bevölkerung ist unstrittig da. Das ist ein hohes und wertvolles Gut! Autofahrer nehmen bemerkenswerter Weise starke Rücksicht auf Radfahrer. An den Restaurants und Cafés sieht man sehr viele Fahrräder an den entsprechenden Ständern stehen. Zu einer Verabredung mit dem Fahrrad zu kommen ist hier absolut gesellschaftsfähig und im Alltagsleben sehr gut integriert! Das hat mich schon beeindruckt. Um ehrlich zu sein, das sogar am meisten. Allerdings würde ich trotzdem anderen Städten wesentlich eher den Titel einer Fahrradstadt zugestehen.

 

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So kann man gut durch Seattle fahren!

 

Über Seattle habe ich ja schon in meinem Tour-Bericht geschrieben. Doch ein paar Worte möchte ich auch hier noch drüber verlieren. Radfahren ist in Seattle sehr beliebt. Ein breit gefächertes Radwegenetz ist vorhanden und Voraussetzung für sicheres Radfahren in der größten Stadt im amerikanischen Nordwesten. Es gibt viele gute bis sehr gute Radwege. Natürlich ist das auch noch ausbaufähig, hin und wieder wirkt es doch etwas zu improvisiert. Aber das, was ich sehen konnte, war sehr angenehm zu fahren. Vieles war relativ neu gemacht. Schöne breite Radwege, deutlich markiert. Oder separat geführt, geschützt vor dem motorisierten Verkehr. Der, und das muss ich auch hier noch einmal erwähnen, sehr aufmerksam gegenüber Radfahrern ist! Auffallend oft sogar freundlicherweise Vorfahrt gewährend! Das Miteinander im Straßenverkehr würde ich auch hier durchweg als positiv bewerten. 

 

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Solche E-Bikes gibt es überall in Seattle zum leihen. ÜBERALL!

 

Zwar wird in Seattle viel mit dem Rad gefahren, aber im Gegensatz zu Portland ist es noch nicht so weit verbreitet damit auch zu gesellschaftlichen Anlässen zu erscheinen. Die Szenerie wirkt nach außen dahingehend noch verbesserungswürdig. Ich muss aber hier noch einmal sagen, das ich ja nur kleine Eindrücke gewinnen konnte. Aufmerksam war ich dahingehend aber jederzeit bei meinen Streifzügen 😉

 

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Und auch so geht Seattle! „Dooring“ ausgeschlossen.

 

Absolut super fand ich es dann in Kanada, genauer gesagt in Vancouver. Die Stadt, die stark asiatisch geprägt ist, bietet eine sehr ordentliches Fahrradnetz an und ist gezielt dabei, immer neue Radwege anzulegen. Sehr breite, separat  und sicher geführte Rad-Spuren mit hervorragender Beschilderung – auch für den motorisierten Verkehr – liessen mich problemlos in der Metropole zurechtfinden. Ich habe mich pudelwohl gefühlt. Und vor allem sehr sicher!

 

 

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Die Strecke am Stanley Park in Vancouver. So sollte es sein. Links die Radfahrer, rechts die Fußgänger. Doch oft gab es auch Chaos. Übrigens hier mit deutlichem Smog von Waldbränden!

 

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Geschütze Bike Lanes in Vancouver, Kanada.

 

Dazu kommt noch der eher touristisch veranlagte Bereich von Vancouver. Insbesondere die tolle Umrundung von Stanley Park und die Weiterführung entlang des False Creek. Ich hatte keine Wahl an dem Tag, es war Sonntag, und die Touristen fuhren in Strömen auf irgendwelchen Leihrädern. Da verstand ich aber auch warum die Umrundung von Stanley Park nur in einer Richtung möglich war. Heerscharen von blutigen Anfängern – sorry, das ich das so schreiben muss, aber es war erschreckend und beängstigend zugleich – versuchten sich auf den Rädern zu halten. Es sah so aus, als hätten viele erst gerade die Stützräder abmontiert bekommen und versuchten es ausgerechnet jetzt in dieser schmalen Schneise des Radwegs, das Gleichgewicht zu halten. Es war grotesk! Nie zuvor habe ich so ein Desaster mit Radfahrern gesehen. Und als ich nebenan auf der Straße Rennradfahrer gemütlich herzuckeln sah, wußte ich warum sie das taten. Aber: ich habe die lange Runde entlang des Radwegs überlebt und an sich, zu einer anderen Zeit vielleicht, wird sie auch wunderschön sein! Die Ausblicke sind nämlich traumhaft!

 

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Und hier noch ein anderes Beispiel geschützter Fahrspuren in Vancouver.

 

Also steigt nicht an einem Sonntag Mittag auf das Rad um den Stanley Park zu umrunden wenn ihr einfach nur mit dem Rad fahren wollt. Macht das zu anderen Tagen und Tageszeiten! Nichtsdestotrotz sind die Möglichkeiten zum Radfahren sehr entspannend. Vieles kann man einfach in der City schnell mit dem Fahrrad erledigen. Ok, das ist keine neue Erkenntnis an sich. Aber für nordamerikanische Verhältnisse sehr bemerkenswert! Ab False Creek, wenn man die Burrad Street Bridge überquert hat, kann man über wunderbar angelegte Radspuren entlang der Wasserlinie fahren und immer wieder neue Ansichten auf Vancouver gewinnen. Die Spuren sind zwar relativ schmal, aber ausreichend markiert, teilweise separat geführt, und mit Hinweisschildern auf gegenseitige Rücksichtnahme mit Fußgängern ausgestattet. Unterwegs gibt es zum Beispiel mit dem Hinge Park und dem Charleson Park auch sehr nett angelegte Verweilmöglichkeiten.

 

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Mit dem Smog der Waldbrände sieht es nicht ganz so nach Traumkulisse aus, ist es aber ansonsten schon.

 

In Vancouver wäre ich gerne noch mehr mit dem Fahrrad gefahren, aber es gab ja auch noch anderes zu sehen. Hier deshalb nun ein Sprung zurück in die USA. Der „Olympic Discovery Trail“ bei Sequim am Olympic Nationalpark im Bundesstaat Washington fand ich einen tollen Beitrag zu mehr Radfahren. Die alte Bahnstrecke wurde 1987 aufgegeben und die ortsansässige Familie Langley kaufte einen Abschnitt um ihn der Öffentlichkeit als Trail zur Verfügung zu stellen. Die Idee wurde weitergesponnen und bisher führt er nun über rund 42 Kilometer von dem Örtchen Blyn bis nach Port Angeles. Ein toller Weg, der gut zu fahren ist! Eines Tages soll er allerdings sogar von Port Townsend bis nach La Push am Pazifik gehen. Über 200 Kilometer, die zum großen Teil schon jetzt weitestgehend u.a. auf Wirtschaftswegen gefahren werden können ( hallooo, liebe Gravelfreunde!!! ). „Pathway to the Pacific“ – so der Untertitel des Trails! Wahrscheinlich ist der komplette Ausbau sogar eher fertig gestellt als das Prestige-Objekt Radschnellweg Ruhr RS1 im Ruhrgebiet! Und dies, obwohl das schwierigere Gelände und Terrain ja wohl eher beim Discovery Trail vorzufinden ist.

 

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Tolle Aussichten vom Olympic Discovery Trail, hier bei Port Angeles.

 

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Am Railroad Bridge Park, Teil des Olympic Discovery Trails!

 

Einen gleichnamigen Trail fand ich übrigens auch in Long Beach, Washington vor. Dort am Pazifik schlängelt sich über rund 14 Kilometer dieser wunderbare Trail  zwischen herrlichen Dünen dem Meer entlang bis nach Ilwaco. Immer eine leichte Brise um die Nase wehend kann man hier ganz entspannt entlang cruisen. Die passenden Beach-Bikes gab es auch im Adrift-Hotel kostenlos oder natürlich beim Bike-Rental um die Ecke. Der Zustand war aber, wie so häufig bei diesen Touristen-Angeboten, eher schlecht. Die Ketten komplett rostig, die Schaumstoffgriffe manchmal zerfetzt und der Sattel leicht verdrehbar. Für das kurze Fahren ging es aber.

 

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Sehr schöner Trail bei Long Beach, Washington. Perfekt für Beach Cruiser.

 

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Ein Fahrradständer! Long Beach, Washington.

 

Was mir in den drei Wochen durchaus auffiel waren die vielen Radbegeisterten. In diesen Teil der USA, aber auch Kanada, gibt es viel Wildnis, tolle Landschaften und viel Abwechslung. Ein Paradies für Radfahrer. Auf den Highways ist oftmals das Radfahren auf dem Seitenstreifen erlaubt und bietet, für denjenigen, der sich traut, natürlich gute Möglichkeiten vorwärts zu kommen. Nicht nur Reiseradler, auch Pendler waren gerade in kleinen Städten auf ihren Wegen zur Arbeit zu sehen. Ein nicht unbedingt gewöhnliches Bild dort drüben, so wie ich es bisher sonst immer erlebt habe. Vom Gefühl her würde ich sagen, es tut sich was. Zwar im Kleinen, aber immerhin. Mit dem Fahrrad lassen sich mittlerweile selbst Großstädte wunderbar entdecken. Mit ein wenig Vorbereitung klappt das richtig gut. Und ist spannend! Die Eindrücke waren vielfältig, aber durchaus positiv. Wie bereits gesagt: es sind meine Eindrücke. Das es da auch gegenläufige Ansichten geben wird, ist mir klar. Manche Leute machen durchaus andere Erfahrungen oder haben in den oben aufgeführten Städten schon ganz andere Dinge erlebt. Deshalb seht dies hier auch nur als kleinen Ausschnitt an 😉

 

 

 

 

7 Comments

  • alex

    Ja schaut schon gut da aus. Ich bin ja selbst mal gespannt wie das wird, wenn wir für kurze Zeit drüben in Reno sind. Zum Radfahren werd ich aber wohl kaum kommen, da die holde Gattin ja mit auf der Reise ist.

    Ganz „hart“ dürfte es aber auch werden, wenn ich eines dieser Bike- oder Outdoor Stores sehe…

    • bikingtom

      Ja, das mit dem Radkoffer ist gar nicht so verkehrt *grins* In der Tat ist es verdammt hart dort nicht so auf‘s Rad zu kommen wie man gerne würde. Touren habe ich ja in den drei Wochen an zwei Fingern abzählen können…na gut, ist ja auch ein Familien-Urlaub 😉 Ach ja, und nimm die goldene Kreditkarte mit 😜

      • alex

        Ging mir in den letzten Urlauben nicht anders. Auf Rhodos hatte ich sogar ein paar Leih HT-MTB´s erspäht, die gar nicht mal so schlecht aussahen. Aber da war Es mir zu heiß. Na gut, eine kleine entspannte Runde hätte man machen können.

        Auf Fuerteventura hat mir das aber meisten gefehlt. Denn da war ich körperlich in recht desolatem Zustand und biken hätte mir sicher geholfen. Zumal ich die Gegend schon von früher her kannte. Bikekoffer muß also her.

      • alex

        Hmmm??? Wenn man noch ein zusätzliches Bike nimmt, dann noch den Gazen Kram drumherum wie Werkzeug und Klamotten, könnte man auch einen SeeContainer nehmen.

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