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Deutschland Ost

TOUR: Die „Einst-Geteilt“-Tour

 

 Die zweite Tour, die ich in der Rhön gemacht habe und euch jetzt erzähle, hatte einiges zu bieten. Startpunkt war der Parkplatz am bereits im letzten Bericht erwähnten „Schwarzen Moor“. Ein paar Meter gerollt, und schon war ich am ehemaligen Grenzstreifen zwischen der damaligen DDR und Deutschland. Ein einsamer ausgedienter Wachturm auf ehemaliger ostdeutscher Seite. Ein Stück Grenzzaun daneben. Betonpfade im Gras, auf dem die Wachen an der Grenze patrouillierten. Ansonsten nichts außer saftige und blühende Wiesen, ein paar kleinere Bäume. Ein friedliches Plätzchen Erde. Nichts was an die heiße Zone erinnert. Idylle pur. Doch die Geschichte erzählt ja bekanntlich was anderes.

Grenzzaun Rhön Radfahren bikingtom
Hinterlassenschaften

 Und so stand ich da mit meinem Rad und konnte mir das irgendwie gar nicht so recht vorstellen. DIe Szenerie wirkte schon ein wenig unrealistisch. Doch als ich dann ein paar hundert Meter weiter radelte, kam ich zu einer Rastgelegenheit. Dort stand ein Pfahl, an dem zwei Knöpfe sowie ein kleiner integrierter Lautsprecher angebracht war. Durch drücken dieser Knöpfe startete man eine Audiodatei. Bewohner der Rhön und der Grenze erzählten dort vom Leben wie es einmal war. So konnte man gleichzeitig Pause machen und noch etwas über die Region erfahren. Sehr nett gemacht!

Radfahren in der Rhön bikingtom
Der Aufbau der Grenze.
Radfahren in der Rhön bikingtom
Mahnmal

  Rast machte ich dort nur kurz. Ich radelte weiter in Richtung des kleinen verschlafenen Dorfes Birx. Auf dem Weg dorthin waren weitere Infotafeln zu sehen. Auf denen waren diesmal unter anderem die Vögel in der Rhön abgebildet. Und auch hier konnte man über Tastendruck die verschiedenen dazu passenden Vogelstimmen hören. Wirklich schön gemacht. Gerade für Kinder eine tolle Sache und willkommene Abwechslung auf Touren!

Radfahren in der Rhön bikingtom
Hervorragende Infotafeln am Wegesrand!

 Von Birx ging es auf der Hauptstraße rasant mit Backenflattern abwärts bis nach Seiferts wo ich wieder auf den Ulstertalradweg traf. Ihn folgte ich diesmal ebenfalls bis kurz hinter Hilders und verließ dort schon nach wenigen Metern den Milseburgradweg wieder in Richtung Tann (Rhön). Über wenig befahrene Landstraßen, die allesamt in gutem Zustand waren ging es vorbei an urigen Häuschen, Weiden, Wiesen und Wäldchen. Auf den Feldern waren die großen Traktoren und den Ballenpressen dabei das getrocknete Gras einzusammeln und in großen Rundballen zu verpacken. Der Geruch getrockneten Grases kitzelte in der Nase. Doch daran erkennt man immer das der Sommer vor der Tür steht.

Radfahren in der Rhön bikingtom
Qualmender Traktor oder doch nur Wolken?
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Das gelbe Schloss in Tann, das zu einer ganzen Schlossanlage gehört.

 Und es wurde auch langsam sehr warm an diesem Tag. Die Sonne brannte förmlich im Nacken, das konnte ich nach der Tour zu Hause im Spiegel begutachten. Eine kleine Pause gönnte ich mir dann in Tann, an der rückwärtigen Seite von Schloss Tann, genauer gesagt unterhalb des gelben Schlosses. Das gelbe Schloss ist der jüngste Komplex der Schlossanlage und geht auf das Jahr 1714 zurück. Es gibt da noch das dazugehörige blaue und rote Schloss. Letzteres ist das rote gleichzeitig das älteste Schloss, es wurde im Jahre 1558 fertiggestellt! Soviel erstmal zu den bunten Schlössern an dieser Stelle.

 Ab Tann ging es dann dichter an der Bundesstraße 278 entlang. Nur nicht zu dicht haben sich wohl auch die Verkehrsplaner gedacht. Denn der Radweg verläuft vorbildlich ein angenehmes Stück versetzt zu der Straße. Das hat mir gut gefallen. Und die Qualität des Weges ist ebenfalls sehr gut. Auch wurden teilweise Steinwälle oder Holzwände errichtet, an denen sich praktisch die Pflanzen austoben können und sich auch Tiere einnisten können. Und nett anzusehen ist das als Radfahrer natürlich auch.

Radfahren in der Rhön bikingtom
Vorbildliche Radwegeführung neben der Bundesstraße.
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Schöne Kirche und nette Fachwerkhäuser in Schleid.
Radfahren in der Rhön bikingtom
Schornstein mitten in der Landschaft.

Über Günthers, Motzlar und Schleid gelangte ich nun nach Geisa. Die Gegend wurde auch zu Zeiten des kalten Kriegs „Fulda Gap“ genannt. Hier rechnete man damit, das hier die Stelle sei, an der am ehesten die Truppen des Warschauer Pakts in den Westdeutschen Raum eindringen würden und innerhalb von wenigen Tagen die Bundesrepublik in zwei Hälften teilen könnten. Dementsprechend unternahm der Westen mit Hilfe US-amerikanischer Truppen massive Anstrengungen u.a. mit Grenzposten um dies zu verhindern. Der ehemalige Beobachtungsposten „Point Alpha“ der Amerikaner blieb nach dem Ende des kalten Krieges erhalten und wurde zur Gedenkstätte erhoben. Hier kann man deutlich sehen, das die Feinde sich damals nur wenige Meter gegenüberstanden. Auge in Auge. Nur ein relativ schmaler Grenzstreifen dazwischen. Die Amerikaner nutzten ihren Wachturm auch dazu den Funkverkehr des nur wenige Meter gegenüber liegenden Wachturms der DDR abzuhören. Die Fahne der USA weht auch heute noch dort, die eigentliche Fahnenstange berührt aber nicht den Boden sondern wird einige Zentimeter über den Boden von einer kleinen Konstruktion festgehalten. Das soll symbolisieren das die Amerikaner als Freunde kommen und nicht als Besatzer! Ein interessantes Detail. Wie wenig es aber gebraucht hätte das es hier wirklich geknallt hätte mag man sich gar nicht vorstellen. In der Gedenkstätte Point Alpha kann man sich in der Ausstellung ein Bild davon machen wie es dort an der Grenze jahrzehntelang zuging. Genauso wie ein paar hundert Meter weiter im „Haus auf der Grenze“, das man über einen Pfad entlang der Grenze oder über die Landstraße von Geisa hinauf erreicht. Ein Besuch dieses geschichtsträchtigen Ortes lohnt sich allemal! Mit dem Fahrrad von Geisa hinauf auf den Rasdorfer Berg ist das aber reinste Schinderei! Das nur mal am Rande.

Radfahren in der Rhön bikingtom
Rund um Geisa stehen solche Info-Tafeln zur Geschichte der Region.
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Die Stadt Geisa.
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Wachturm der Amerikaner.
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Gedenkstätte „Point Alpha“ und der Todestreifen. So frei dort herumzulaufen war damals undenkbar!
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Am früheren Grenzverlauf.

 Nach dem Besuch dieser Gedenkstätte, der doch zum Nachdenken anregte, schwang ich mich wieder auf das Rad und fuhr den ganzen Berg wieder hinunter nach Geisa und dann weiter auf dem Ulstertalradweg. Jetzt schien das Wetter umzuschwenken. Dunkle, sehr dunkle Wolken kamen immer näher. In der Luft war zu spüren das ein Gewitter im Anmarsch war. Das fand ich nicht so prickelnd, denn vor solchen Naturgewalten habe ich Respekt. Die kann ich nicht beherrschen. Also war mein Motto „nix wie weg“. Zuerst sah es fast so aus also ob das Unwetter mich doch erwischen würde. Doch als ich in eine wunderschöne Auenlandschaft hinein fuhr, links und rechts die Berge etwas höher wurden, verschwand das aufziehende Gewitter nebenan im nächsten Tal. Da hatte ich nochmal Glück gehabt. Und so radelte ich weiter beschwingt durch eine faszinierende Landschaft.

Radfahren in der Rhön bikingtom
Herrliche Landschaft an der Ulster.

 Vorbei an den thüringischen Dörfern Buttlar und Pferdsdorf kam ich dann nach Philipsthal an der Werra, schon wieder auf hessischer Seite. Wie man sieht, hier verschwimmen fast die Grenzen. Jedenfalls gibt es dort das gleichnamige Schloss. Mal wieder eins. Der Radweg führt da mitten durch. Erbaut in den Jahren 1685 bis 1735 beherbergt es heute u.a. das Rathaus und ein Altenwohnheim. Durch das Torbogenhaus gelangt man wieder hinaus – oder hinein – je nachdem woher man kommt.

Radfahren in der Rhön bikingtom
Im Hof von Schloss Philipsthal. Und mittendurch der Radweg.

 Nun war der Werratal-Radweg also mein Begleiter. Schon kurz nach Philipsthal war ich wieder in Thüringen unterwegs. Genauer gesagt verläuft die Grenze der beiden Bundesländer Hessen und Thüringen hier bei Vecha. Viele Fachwerkhäuser waren hier jetzt zu sehen. Eine merkwürdige Ruhe war überall zu spüren. Nicht unangenehm, sondern eher so, als sei hier an manchen Orten die Zeit einfach stehen geblieben und Stress eher ein Fremdwort. Menschen waren kaum zu sehen. Nur selten sah ich mal einen Radfahrer. Das lag aber vielleicht auch daran, das der Radweg zwischen Vacha und Dorndorf direkt auf der zwar wenig befahrenen Bundesstraße 84 verläuft, aber deshalb auch nicht gerade angenehm zu befahren ist. Denn wenn da Autos fahren, dann auch nicht langsam. Das Stück war also leider nicht so ergreifend schön.

Radfahren in der Rhön bikingtom
Blick nach Vacha.

  Doch ab Dorndorf wurde es wieder besser. Allerdings nur der Radweg. Das Wetter war jetzt doch in Begriff wieder schlechter zu werden. Auftürmende Wolken kündeten von einer Schlechtwetterfront. Ich konnte weit ins Land schauen, doch in der Richtung, woher die dunklen Wolken kamen, war weit und breit auch keine Verbesserung der Lage zu erkennen. Das ließ mich kräftig in die Pedale treten. Bei Merkers nahm ich dann auch die Alternativroute des Werratal-Radwegs, direkt an der Werra entlang anstatt  die Hauptroute über Kieselbach und dem Kraynberg. Der Weg war allerdings eher ein rumpeliger und schlechter Pfad, der an manchen Stellen sehr schmal war und teilweise hohes Gras in den Weg hinein wucherte. Das man das überhaupt offiziell als Radweg ausschildert fand ich etwas befremdlich. Aber egal. Das schlechte Wetter saß mir im Nacken und da war das jetzt doch das geringere Übel.

Radfahren in der Rhön bikingtom
Impressionen zwischen Vacha und Dorndorf. Der Kaugummi-Automat ist der Hammer!

 Ich wollte noch ein paar Kilometer machen, sah meine Chance aber nach und nach mehr schwinden. Kurz vor Tiefenort kam ich dann vom holprigen Pfad, den man anscheinend doch in zügiger Geschwindigkeit befahren kann wenn es nötig ist, wieder auf die Hauptroute des Werratal-Radwegs. Wieder fielen mir die Fachwerkhäuschen auf, die man hier anscheinend öfters finden kann. Mitunter sehr schön wieder in Stand gesetzt und schön anzusehen.

Radfahren in der Rhön bikingtom
Hier und dort immer wieder Fachwerk.

 Der nächste Ort hieß Bad Salzungen. Ein Besuch des Ortskern hätte sich höchstwahrscheinlich gelohnt. Da gibt es die Therme, den Burgsee sowie das Gradierwerk. Gerade für Allergiker ermöglicht die Sole hier rasche Linderung. Auch bei Atemwegserkrankungen ist man hier bestens aufgehoben. Doch es trieb mich noch ein Stück weiter. Um genauer zu sagen bis Immelborn. Weiter schaffte ich es nicht mehr, das Unwetter holte mich ein. Keine zehn Minuten nachdem ich die Tour beendet hatte, verdunkelte sich der Himmel drastisch und der Regen prasselte mit voller Wucht zu Boden und Blitz und Donner brachen über die Landschaft herein. Ein gewaltiges und irgendwie auch passendes Ende  für diese spannende, informative und manchmal auch überraschende Tour. 87 Kilometer lang, aber nie langweilig.

Hier kann die Tour als gpx-Datei heruntergeladen werden! Die Tour hat da eine Länge von rund 90 Kilometern, da ich die Alternativ-Route an der Werra entlang bei Krayenberg nur bedingt empfehlen kann. Sie ist zwar schön, aber sehr holprig. Deshalb führt die Route um den Krayenberg herum. Und ich bitte auch zu beachten, das der Weg von Geisa hinauf zum Alpha Point ziemlich steil ist, aber sich die Mühe lohnt! Ich wünsche euch trotzdem viel Spaß damit!

Radfahren in der Rhön bikingtom
Jüdischer Friedhof bei Barchfeld.
Radfahren in der Rhön bikingtom
Kurz bevor das Unwetter losbrach. Die Ruine „Steinsches Schloss“ in Barchfeld-Immelborn.

 

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