Deustchland,bikingtom,Fahrradtour

Deutschland Ost (2)

TOUR: Ode an die Uckermark #1

 

Eine Woche Radurlaub in der Uckermark. Eine Unterkunft, verschiedene Radtouren. Davon wollte ich euch eigentlich berichten und euch einzelne Touren vorstellen. Doch nachdem ich über 500 Kilometer mit dem Fahrrad absolviert habe, habe ich festgestellt, das diese Gegend so anders ist und man dem nicht gerecht werden kann, das einzeln zu verpacken. Deswegen habe ich den ersten Versuch verworfen und versuche nun, durch diese Ode an die Landschaft, der allgegenwärtigen Natur, und den Menschen mein Statement zukommen zu lassen. Ein Statement über die Liebe zur Natur, der allgegenwärtigen Vergangenheit und der Zukunft. Zumindest ist dies mein Versuch es in Worte zu fassen. Und dann war da ja noch das Radfahren.

 

Uckermark,Brandenburg,Fahrrad,Radfahren
Heiße Temperaturen gab es in meinem Radurlaub, da kam so ein Eis gerade recht!

 

Wärme plus noch mehr Wärme ist Hitze. An der 30 Grad-Marke kratzend. So ging das eine Woche lang. Für mich also das perfekte Wetter um einen zünftigen Radurlaub zu machen. Alles ist besser für diese Zeit, als das Gegenteil von Hitze. Blauer Himmel, die Sonne steht strahlend hoch.  Noch nicht wirklich angekommen, das Gepäck noch verstaut im Auto, sitze ich schon auf dem Fahrrad. Schließlich muss ich die kostbare Zeit ja nutzen! Und die Routen waren allesamt schon geplant. Das ich dem Himmel da schon sehr nah war, stand übrigens außer Frage. Denn mein Startpunkt hieß in dieser Woche Himmelpfort. Und da darf der Weihnachtsmann mit eigener Poststelle natürlich nicht fehlen! Holzfiguren im Dorf machten selbstverständlich darauf aufmerksam. Der ganze Ort war hübsch hergerichtet und als Startpunkt ideal gelegen. Ringsherum herrliche Seen und tiefe Wälder. Perfekte Bedingungen also.

 

Uckermark,Brandenburg,Fahrrad,Radfahren
Grüße vom Nikolaus bekam ich in Himmelpfort.

 

Denn so sehr ich auch gespannt war, was es denn alles in diesen Teil Brandenburgs beziehungsweise auch Mecklenburg-Vorpommerns zu sehen gibt, eine gewissen Trainings-Effekt sollte die Woche auch für mich haben. Denn wie ihr ja vielleicht bereits gelesen habt, stand für mich bald darauf die Ruhr2Northsea-Challenge sowie kurz darauf die NIGHTOFTHE100MILES an. Ein bisschen Fitness dafür würde also nicht schaden. Beides ergab also eine prima Kombination und alles war angerichtet.

 

Uckermark,Brandenburg,Fahrrad,Radfahren
Nicht zu erkennen: die Trilliarden an Mücken in diesem Moment! Dafür das Kopfsteinpflaster unter dem Gras!

 

Uckermark,Brandenburg,Fahrrad,Radfahren
Nicht immer ideal waren die Radwege zu befahren.

 

Doch was mich die Woche an Straßen- und Wegverhältnissen in der Uckermark erwarten würde, bekam ich schon nach wenigen Kilometern zu spüren. Ich bog ab und fuhr nach einem kurzem Stück Straße direkt in den Wald. Wie ich so bin, tue ich immer Wege auf, auf denen niemand sonst mit dem Fahrrad fahren würde. Eine Sandpiste, geteilt mit altem Straßenpflastersteinen, die schon halb von Gras überwuchert waren, war nun mein Weg. Ich hätte ja einfach auf den „richtigen“ Radweg bleiben können. Aber nein, ich musste ja direkt in die blutsaugenden Rüssel der Trilliarden von Mücken fahren. Gepaart mit einem Gerüttel derbster Sorte eine ganz tolle Kombination. Ich habe es ja so gewollt. Zum Glück war ich vorbereitet und hatte ordentlich Mückenspray aufgetragen. So kamen mir die Viecher nicht ganz so nahe. Obwohl das Surren um den Kopf herum schon lästig war, wenn ich mal kurz ein Foto gemacht habe. Bei Fahrtwind um der Nase war das nicht ganz so schlimm. Übrigens: gestochen wurde ich an diesem Tag nicht ein einziges mal! Gelobt sei der Erfinder des Mückensprays!

 

Uckermark,Brandenburg,Fahrrad,Radfahren
Wo eigentlich kein Radweg ist, da finde ich schon einen! Was für ein Spaß!

 

Mücken waren also ebenfalls fester Bestandteil meiner über 500 Kilometer auf dem Fahrrad. Ein unbeugsamer Gegner bei diesen sommerlichen Temperaturen. Während des Radfahrens, wenn der Fahrtwind einem etwas Kühle gönnte, waren sie kein Problem. Doch sobald ich nur kurz stand, die Poren sich öffneten und den Schweiß laufen liessen, waren sie da. Ssssssss, Ssssssss, Ssssssss,….also hieß es schnell weiterfahren. Oder einmal kurz auf den Pumpkopf des Mückensprays gedrückt.

 

Uckermark,Brandenburg,Fahrrad,Radfahren
Der Hitze konnte man in dem kühleren Wald ein wenig entgehen.

 

Aber die Wälder der Uckermark waren herrlich. Von atemberaubender Schönheit. Eine Stille und Ruhe, die ich selten so erlebt habe. Nicht bedrückend, sondern beeindruckend! Hier konnte ich abschalten. Ich habe Vogelgesänge gehört, die ich nie zuvor gehört habe. Die hohen, majestätischen Kiefern, mit ihren bräunlich-roten Stamm, waren immer allgegenwärtig. Mächtig, die Kronen weit oben. Ehrfurchtsvoll ging oft mein Blick in die Wipfel. Die Sonne blinzelte immer Mal wieder durch die Äste. Hin und wieder wurde der Wald so dicht, das ich nicht einmal Handy-Empfang oder sogar GPS-Empfang hatte! In der heutigen Zeit schon etwas verrückt. Da kam mir ein Gefühl von grotesker Einsamkeit. Unweigerlich kam mir an manchen Stellen auch der Gedanke, wann denn hier wohl zuletzt ein Mensch vorbeigekommen ist? Wahrscheinlich war das gar nicht so lange her, aber just in diesen Moment konnte ich mir das einfach nicht vorstellen das hier überhaupt jemals Menschen zugegen gewesen waren.

 

Uckermark,Brandenburg,Fahrrad,Radfahren
Hin und wieder wurde es sandig, genau richtig um zu graveln!

 

Uckermark,Brandenburg,Fahrrad,Radfahren
Solche Abschnitte waren in der Uckermark auch zu finden und super zu fahren!

 

Die Wege in der Uckermark waren teilweise sehr sandig, da rutschte ich mit dem Trekking-Fahrrad schon mal hin und her oder schlingerte ordentlich durchs Gestrüpp. Die Bereifung mit relativ glattem Profil war nicht allzu gut gewählt. Das Crossbike war da die bessere Wahl. Aber auch Kopfsteinpflaster (!) gab es im Wald oder diese minimalistischen Möchtegern-Betonplatten-Wege, die verdammt schmal waren und richtige Kanten hatten. Wenn man da nicht aufpassen tat, rutschte man einfach zur Seite weg. Es war also immer wieder eine Herausforderung, aber natürlich gab es auch ordentliche Wege. Es machte unterm Strich richtig Spaß so durch die Wälder zu kurven und die Natur mit allen Sinneskräften zu genießen.

 

Uckermark,Brandenburg,Fahrrad,Radfahren
Bei diesem wunderbaren Kiosk in einem alten Trafo-Häuschen erneuerte ich meinen Getränkevorrat.

 

Auch die Hitze hielt der Wald von mir fern und spendete mir immer eine sehr angenehme Kühle. Trotzdem war die Trockenheit und die Dürre im Wald permanent spürbar. Der trockene, warme Geruch der Kiefern setzte sich bei mir in der Nase fest. Ein würziger Duft, den ich als angenehm empfinde. Oft sah ich auch Schilder, die darauf aufmerksam machten, keinerlei offenes Feuer zu machen. Oder aber auch Wanderwege, die hin und wieder links oder rechts abzweigten, waren wegen Brandgefahr direkt gesperrt. Die trockene Luft führte dazu, das ich immer gucken musste, genug Getränke dabei zu haben. Und anstatt der Saddlebag nahm ich dann lieber die Zusatzhalterung für zwei weitere Wasserflaschen. Das half mir ungemein und war auch im Nachhinein die richtige Entscheidung.

 

Uckermark,Brandenburg,Fahrrad,RadfahrenGruselig wurde es auf dem Gelände der ehemaligen Kaserne Vogelsang.

 

Doch die Wälder der Uckermark verbargen auch teils historische Relikte. So kam ich auf einer der Touren zu einer alten Kaserne. Die Kaserne Vogelsang, die die Sowjets im Kalten Krieg und bis zum Abzug  im Jahre 1994 unterhielten und teilweise bis zu 15.000 Mann dort stationiert hatten. Sie war damit der zweitgrößte Militärposten der Sowjetunion in der damaligen DDR!  Der Weg dorthin war jedenfalls schnurgerade. Trotzdem konnte ich zunächst nichts sehen. Tief hängende Äste behinderten die Sicht. Der Weg war zwar breit, aber schlecht. So wechselte ich mit dem Fahrrad immer von rechts nach links und von links nach rechts. Dann änderte sich der Weg. Ich fuhr jetzt auf den berüchtigten Betonplatten. Die Äste verschwanden etwas und in der Ferne, ganz hinten, sah ich etwas Dunkles. Es wurde mir jetzt ein wenig gruselig zu Mute. Einordnen konnte ich das nicht, was dort hinten lag. Es waren bestimmt noch anderthalb Kilometer bis dort. Rechts von mir begann auf einmal ein Betonzaun im Wald.  Der hörte irgendwann plötzlich auf, ohne das er Sinn ergeben hätte. Der Rest war verschwunden.

 

Uckermark,Brandenburg,Fahrrad,Radfahren
Langsam überwuchert die alte Kaserne.

 

Ich kam immer näher an das Gebäude heran. Dann konnte ich das halb verfallene Gemäuer erkennen. Der Weg ging nach rechts, doch ich stieg ab und näherte mich vorsichtig. Ich wusste ja nicht, was mich da erwartete. Wo die Fenster waren, waren nur noch Löcher in der Wand. Die Tür war nicht mehr vorhanden. Wo mal die Holzdielen auf dem Boden waren, war nur noch Schutt. Ich ging also nicht hinein, sondern blickte vorsichtig durch die Tür und die Löcher in den Wänden hinein. In einem Raum lag doch tatsächlich ein uraltes Fahrrad-Skelett! Klar, die Vandalen waren natürlich schon hier und haben alles zerstört, beschmiert und sonst was hier gemacht. Meine größte Sorge war eigentlich hier irgendwelche komischen Typen aufzuscheuchen. Das brauchte ich wirklich nicht.

 

 

Ich ging zurück zum Weg und fuhr zum nächsten Haus. Das schien mal ein repräsentatives Gemäuer gewesen zu sein. Soweit ich das erkennen konnte, machte das wohl früher was her. Auch hier überall der gleiche Anblick. Zerstörung, Verfall, Geschmiere. Durch die auch nicht mehr vorhanden Tür ging ich tapfer in die kleine, wohl einst gewesene Diele und blickte dann in den großen unteren und offenen Bereich des Hauses. Die Dielen waren überall eingebrochen, für mich war hier Ende. Das war mir zu riskant. Ich sah durch eine Tür die Treppe, die nach oben führte. Links um die Ecke, in einem anderen Raum, konnte ich Fliesen erkennen. Vielleicht war das mal die Küche. Ein anderer Raum hatte eine wohl mal gepolsterte Tür! Möglicherweise ein Büro? Ich ging wieder hinaus und atmete einmal kräftig durch. Es war schon irgendwie eine merkwürdige Situation.

 

Uckermark,Brandenburg,Fahrrad,Radfahren,Kaserne Vogelsang
Dem Verfall geweiht.

 

Die Häuser der Angestellten oder Soldaten, so genau weiß ich das nicht, lagen etwas zurück vom Weg und sahen noch etwas bedrohlicher aus. Die Bäume standen dichter, hohes Gras wucherte ringsherum. Trotzdem waren schmale Trampelpfade durch platt getretenes Gras zu erkennen. Die Fenster waren teilweise mit Spanplatten abgedeckt. Das wollte ich mir nicht unbedingt näher anschauen. Wer weiß, was mich da erwartete. Also fuhr ich weiter. Da waren nämlich noch ein paar flache, relativ frei stehende Gebäude. Graffiti empfing mich dort an den Wänden. Aber auch ein großer Saal, wo an den Wänden Bilder mit folkloristischen Szenen aus der sowjetischen Heimat gemalt worden waren. Die waren überraschender Weise wirklich noch gut in Schuss! Vom Aufbau her könnte dies ein Speisesaal gewesen sein.

 

Uckermark,Brandenburg,Fahrrad,Radfahren
Wahrscheinlich ein ehemaliger Speisesaal der Kaserne Vogelsang.

 

In einem anderen Raum erschrak ich zunächst. Da lag eine ausgestopfte Hose und ein Hemd war als Oberkörper darüber gesetzt. Als Kopf diente ein alter Radiator. Gruselig war, das darum ein Seil als Schlinge gelegt war. Mir schauderte und ich musste schlucken. Eine groteske Szenerie. Es war an der Zeit mein Fahrrad zu nehmen und weiter zu fahren.

 

Uckermark,Brandenburg,Fahrrad,Radfahren
Herrliche Landschaft in der Uckermark!

 

 

Uckermark,Brandenburg,Fahrrad,Radfahren
Auch meinem Fahrrad gefielen die Radtouren!

 

Entdecken konnte ich also einiges entlang meiner Strecken. Natürlich war vieles am verfallen oder schlicht und einfach nicht zu betreten. Bei meiner Planung bin ich zum Beispiel auf ein altes Munitionsdepot gestoßen. Der Versuch auf dieses alte, nicht mehr dafür genutzte Gelände zu gelangen scheiterte. Es war abgeriegelt, mit Videoüberwachung versehen und somit nicht zugänglich. In der Nähe hielt ich mit dem Rad an einem zum kleinen Kiosk umgebauten alten Traffo-Häuschen. Das sah urig aus. Ich musste dort an einer Kordel die Klingel bedienen, damit jemand kam. Der schon etwas ältere Besitzer kam dann in Hemd und nur in Unterhose bekleidet auf einem Rasenmäher-Traktor aus dem hinteren Garten angetuckert! Ich kaufte wegen des heißen Wetters eine Cola und fragte nebenbei die Frau des Besitzers, die mittlerweile dazu gekommen war, nach diesem ehemaligen Munitionslager. Ich merkte direkt, das dies keine angenehme Frage war. Sichtlich um die passenden Worte ringend, sagte sie mir, das sie nichts darüber wüsste und das auch nicht ihr bevorzugtes Thema wäre. Ich verstand das direkt und wechselte rasch das Thema. Wie die Vergangenheit also immer noch Einfluss in den Köpfen der Menschen hat, konnte ich hier gut feststellen.

 

Uckermark,Brandenburg,Fahrrad,Radfahren
Kirche im netten Örtchen Rheinsberg.

 

Uckermark,Brandenburg,Fahrrad,Radfahren,Schloss Rheinsberg
Aussicht aus Richtung des Obelisken auf Schloss Rheinsberg, erbaut im Jahre 1566!

 

Doch auch eine stolze Vergangenheit gibt es, denn natürlich lastete nicht permanent der dunkle Schatten der Geschichte auf dieser Region! In Rheinsberg zum Beispiel gibt es das gleichnamige Schloss. Geschichtlich ein Leckerbissen, denn schon im Mittelalter stand dort eine Wasserburg. Und im Jahre 1734 wurde sogar der preußische König Friedrich Wilhelm I. zum Besitzer des Schlosses. Außerdem diente es sogar als Vorbild für Schloss Sanssouci!

 

Uckermark,Brandenburg,Fahrrad,Radfahren
Der Rheinsberger Obelisk

 

Ein paar wenige Reisebusse brachten Touristen zu dem Schloss, was heute übrigens unter anderem ein Literaturmuseum und die Musikakademie Rheinsberg beheimatet. Doch ich hatte einen anderen Plan. Ich wollte zu einem Punkt gelangen, von wo aus ich über das Wasser einen Blick auf das Schloss haben würde. Ich musste den Zugang etwas suchen, doch dann war die Aussicht wunderschön. Dort stand nämlich oberhalb des Grieneriksees  und in der Sichtachse des Schlosses ein Obelisk, den Heinrich von Preußen zu Beginn der 1790er Jahre bauen ließ. Zu Ehren seines Bruders August Wilhelm von Preußen und den preußischen Helden-Offizieren des siebenjähriges Krieges. Jeder bekam eine eigene, verfasste Gedenkplatte auf den Obelisken.

An dieser Stelle war es herrlich ruhig, von Touristen keine Spur. Nur ein ältere Herr war dort zu Fuß unterwegs. Als er mich so verknotend mit meinem Smartphone hantieren sah um ein Selfie zu machen, bot er sich direkt an auf den Auslöser zu drücken. Das war sehr nett und wir wechselten ein paar Worte. Und diese freundliche Art erlebte ich häufiger unterwegs. Die Menschen waren allesamt unheimlich nett und zuvorkommend. Egal, wo ich mit ihnen ins Gespräch kam. Es war immer ein Gefühl von Herzlichkeit dabei. Das war sehr schön und hätte ich – wahrscheinlich auch eines dieser doofen Vorurteile – nicht unbedingt so erwartet. Ich fühlte mich immer pudelwohl.

 

Uckermark,Brandenburg,Fahrrad,Radfahren,Schloss Meseberg
Schloss Meseberg, das Gästehaus der Bundesregierung.

 

Ich kam in dieser Woche auch noch an anderen Schlössern vorbei. An einem wäre ich mit dem Rad fast vorbeigerauscht, ohne etwas zur Geschichte zu wissen. Meseberg…Schloss Meseberg…da war doch was. Und wieso ist da alles irgendwie so abgeriegelt? Tatsächlich bekam ich die Info über das Schloss erst, als ich zurück in meiner Unterkunft war. Schloss Meseberg ist das Gästehaus der Bundesregierung! Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Im Jahre 1737 wurde übrigens mit dem Bau angefangen. Nach dem zweiten Weltkrieg wollten die Sowjets das Schloss sogar sprengen, was zum Glück verhindert werden konnte. Nach der Wende bewahrte die Messerschmidt-Stiftung das Gebäude vor dem Verfall. 2004 übernahm die Bundesregierung für eine symbolische Miete von 1€ pro Jahr für zunächst 20 Jahre das Anwesen als Gästehaus. Der erste Gast unserer Regierung war: Jacques Chirac, damaliger französischer Staatspräsident.

 

Uckermark,Brandenburg,Fahrrad,Radfahren,Herrenhaus Dannenwalde
Etwas heruntergekommen, aber interessant. Das Herrenhaus Dannenwalde.

 

Auch das Herrenhaus Dannenwalde, das plötzlich unerwartet bei einer meiner Touren am Wegesrand auftauchte, fand ich spannend. Erbaut irgendwann zum Ende des 17. Jahrhunderts, hatte es viele Besitzer. Darunter auch der preußische Politiker Wilhelm von Waldow. Und für einen Film mit Zarah Leander aus dem Jahre 1937 („Der Weg ins Freie“) wurden sogar auf dem Hof einige Szenen gedreht. Nach dem Krieg wurde das Herrenhaus geplündert, aber nicht zerstört. Die DDR richtete eine Oberschule ein, danach verfiel das Haus fast in den 90er Jahren. Jahre später erfolgte eine Teil-Sanierung. Jetzt lag es da, irgendwie immer noch vergessend wirkend. Aber als Foto-Kulisse für freudige Radfahrer optimal.

 

Uckermark,Brandenburg,Fahrrad,Radfahren, KZ Ravensburg
Das ehemalige KZ Ravensburg, 28.000 Menschen verloren hier ihr Leben! Unvorstellbar. Unbegreifbar. Fassungslos.

 

Und so gab es auf dem Rücken des Fahrrads immer wieder neue, spannende und teilweise auch geschichtsträchtige Dinge zu sehen. Die meisten schön, eins aber auch zum Nachdenken. Das ehemalige KZ Ravensburg lag unweit von Himmelpfort entfernt. Ein paar Meter mit dem Rad und schon sah ich den ersten Wachturm. Ich fuhr dann etwas auf der Straße, entlang des Zauns. An einer Stelle hatte ich dann zum ersten Mal einen freien Blick auf das Gelände. Dort wurden hauptsächlich Frauen ab 1939 in Baracken eingepfercht! Aber der Komplex war groß. In anderen Lagern, die etwas außerhalb lagen, wurden auch Jungen untergebracht. Wobei das Wort verharmlosend  klingt. Auch die Firma Siemens hatte dort übrigens ihre Finger im Spiel und eine Art Arbeitslager errichtet. Und als ich mir vor Augen hielt, das im KZ Ravensbrück rund 28.000 Menschen getötet wurden, musste ich schlucken und mich überkam ein Schaudern.

 

Uckermark,Brandenburg,Fahrrad,Radfahren,KZ Ravensburg
Wachturm des KZs.

 

Ein Stück weiter sah ich dann die ersten Häuser der hochrangigen SS-Offiziere. Einige von ihnen waren dem Verfall preisgegeben, das Gras wucherte hoch. Einige waren aber gut erhalten. Doch schon die Lage, erhöht, das Lager überblickend, sagt einiges über das perfide Selbstverständnis der Nationalsozialisten aus. Und was ich auch gar nicht gut fand, war, das in den ehemaligen Unterkünften der SS-Aufseherinnen heute eine Jugendherberge untergebracht ist! Zwar im Sinne einer Art Begegnungsstätte  gegen das Vergessen. Aber der Zynismus war hier meiner Meinung nach groß geschrieben. Ich könnte es niemals gutheißen, dort mein Kind übernachten zu lassen. Ich fand das unmöglich.

 

 

So verließ ich diese Gedenkstätte auf dem Fahrrad mit gemischten Gefühlen. Wohlwissend, das nun aber die erfreulichen Erlebnisse deutlich im Vordergrund stehen würden. Und die waren nicht von schlechten Eltern wie man so schön sagt. Die bisherigen Eindrücke waren packend und spannend. Die Landschaft zeigte mir dabei ihre Reize in voller Pracht. Ich war begeistert. Das Radfahren machte mir unheimlich viel Freude! Die leicht hügeligen Abschnitte flog ich nur so rauf und runter. Mit einem Lächeln auf den Lippen vergass ich die Zeit immer mehr um mich herum. Mein Fahrrad und ich harmonierten gut miteinander und eine innerliche Entspannung machte sich breit. So muss ein Radurlaub sein, finde ich.

bikintom, Logo

 

TOUR: Die „Einst-Geteilt“-Tour

 

 Die zweite Tour, die ich in der Rhön gemacht habe und euch jetzt erzähle, hatte einiges zu bieten. Startpunkt war der Parkplatz am bereits im letzten Bericht erwähnten „Schwarzen Moor“. Ein paar Meter gerollt, und schon war ich am ehemaligen Grenzstreifen zwischen der damaligen DDR und Deutschland. Ein einsamer ausgedienter Wachturm auf ehemaliger ostdeutscher Seite. Ein Stück Grenzzaun daneben. Betonpfade im Gras, auf dem die Wachen an der Grenze patrouillierten. Ansonsten nichts außer saftige und blühende Wiesen, ein paar kleinere Bäume. Ein friedliches Plätzchen Erde. Nichts was an die heiße Zone erinnert. Idylle pur. Doch die Geschichte erzählt ja bekanntlich was anderes.

Grenzzaun Rhön Radfahren bikingtom
Hinterlassenschaften

 Und so stand ich da mit meinem Rad und konnte mir das irgendwie gar nicht so recht vorstellen. DIe Szenerie wirkte schon ein wenig unrealistisch. Doch als ich dann ein paar hundert Meter weiter radelte, kam ich zu einer Rastgelegenheit. Dort stand ein Pfahl, an dem zwei Knöpfe sowie ein kleiner integrierter Lautsprecher angebracht war. Durch drücken dieser Knöpfe startete man eine Audiodatei. Bewohner der Rhön und der Grenze erzählten dort vom Leben wie es einmal war. So konnte man gleichzeitig Pause machen und noch etwas über die Region erfahren. Sehr nett gemacht!

Radfahren in der Rhön bikingtom
Der Aufbau der Grenze.
Radfahren in der Rhön bikingtom
Mahnmal

  Rast machte ich dort nur kurz. Ich radelte weiter in Richtung des kleinen verschlafenen Dorfes Birx. Auf dem Weg dorthin waren weitere Infotafeln zu sehen. Auf denen waren diesmal unter anderem die Vögel in der Rhön abgebildet. Und auch hier konnte man über Tastendruck die verschiedenen dazu passenden Vogelstimmen hören. Wirklich schön gemacht. Gerade für Kinder eine tolle Sache und willkommene Abwechslung auf Touren!

Radfahren in der Rhön bikingtom
Hervorragende Infotafeln am Wegesrand!

 Von Birx ging es auf der Hauptstraße rasant mit Backenflattern abwärts bis nach Seiferts wo ich wieder auf den Ulstertalradweg traf. Ihn folgte ich diesmal ebenfalls bis kurz hinter Hilders und verließ dort schon nach wenigen Metern den Milseburgradweg wieder in Richtung Tann (Rhön). Über wenig befahrene Landstraßen, die allesamt in gutem Zustand waren ging es vorbei an urigen Häuschen, Weiden, Wiesen und Wäldchen. Auf den Feldern waren die großen Traktoren und den Ballenpressen dabei das getrocknete Gras einzusammeln und in großen Rundballen zu verpacken. Der Geruch getrockneten Grases kitzelte in der Nase. Doch daran erkennt man immer das der Sommer vor der Tür steht.

Radfahren in der Rhön bikingtom
Qualmender Traktor oder doch nur Wolken?
radfahren in der Rhön bikingtom
Das gelbe Schloss in Tann, das zu einer ganzen Schlossanlage gehört.

 Und es wurde auch langsam sehr warm an diesem Tag. Die Sonne brannte förmlich im Nacken, das konnte ich nach der Tour zu Hause im Spiegel begutachten. Eine kleine Pause gönnte ich mir dann in Tann, an der rückwärtigen Seite von Schloss Tann, genauer gesagt unterhalb des gelben Schlosses. Das gelbe Schloss ist der jüngste Komplex der Schlossanlage und geht auf das Jahr 1714 zurück. Es gibt da noch das dazugehörige blaue und rote Schloss. Letzteres ist das rote gleichzeitig das älteste Schloss, es wurde im Jahre 1558 fertiggestellt! Soviel erstmal zu den bunten Schlössern an dieser Stelle.

 Ab Tann ging es dann dichter an der Bundesstraße 278 entlang. Nur nicht zu dicht haben sich wohl auch die Verkehrsplaner gedacht. Denn der Radweg verläuft vorbildlich ein angenehmes Stück versetzt zu der Straße. Das hat mir gut gefallen. Und die Qualität des Weges ist ebenfalls sehr gut. Auch wurden teilweise Steinwälle oder Holzwände errichtet, an denen sich praktisch die Pflanzen austoben können und sich auch Tiere einnisten können. Und nett anzusehen ist das als Radfahrer natürlich auch.

Radfahren in der Rhön bikingtom
Vorbildliche Radwegeführung neben der Bundesstraße.
radfahren in der Rhön bikingtom
Schöne Kirche und nette Fachwerkhäuser in Schleid.
Radfahren in der Rhön bikingtom
Schornstein mitten in der Landschaft.

Über Günthers, Motzlar und Schleid gelangte ich nun nach Geisa. Die Gegend wurde auch zu Zeiten des kalten Kriegs „Fulda Gap“ genannt. Hier rechnete man damit, das hier die Stelle sei, an der am ehesten die Truppen des Warschauer Pakts in den Westdeutschen Raum eindringen würden und innerhalb von wenigen Tagen die Bundesrepublik in zwei Hälften teilen könnten. Dementsprechend unternahm der Westen mit Hilfe US-amerikanischer Truppen massive Anstrengungen u.a. mit Grenzposten um dies zu verhindern. Der ehemalige Beobachtungsposten „Point Alpha“ der Amerikaner blieb nach dem Ende des kalten Krieges erhalten und wurde zur Gedenkstätte erhoben. Hier kann man deutlich sehen, das die Feinde sich damals nur wenige Meter gegenüberstanden. Auge in Auge. Nur ein relativ schmaler Grenzstreifen dazwischen. Die Amerikaner nutzten ihren Wachturm auch dazu den Funkverkehr des nur wenige Meter gegenüber liegenden Wachturms der DDR abzuhören. Die Fahne der USA weht auch heute noch dort, die eigentliche Fahnenstange berührt aber nicht den Boden sondern wird einige Zentimeter über den Boden von einer kleinen Konstruktion festgehalten. Das soll symbolisieren das die Amerikaner als Freunde kommen und nicht als Besatzer! Ein interessantes Detail. Wie wenig es aber gebraucht hätte das es hier wirklich geknallt hätte mag man sich gar nicht vorstellen. In der Gedenkstätte Point Alpha kann man sich in der Ausstellung ein Bild davon machen wie es dort an der Grenze jahrzehntelang zuging. Genauso wie ein paar hundert Meter weiter im „Haus auf der Grenze“, das man über einen Pfad entlang der Grenze oder über die Landstraße von Geisa hinauf erreicht. Ein Besuch dieses geschichtsträchtigen Ortes lohnt sich allemal! Mit dem Fahrrad von Geisa hinauf auf den Rasdorfer Berg ist das aber reinste Schinderei! Das nur mal am Rande.

Radfahren in der Rhön bikingtom
Rund um Geisa stehen solche Info-Tafeln zur Geschichte der Region.
Radfahren in der Rhön bikingtom
Die Stadt Geisa.
Radfahren in der Rhön bikingtom
Wachturm der Amerikaner.
radfahren in der Rhön Grenze bikingtom
Gedenkstätte „Point Alpha“ und der Todestreifen. So frei dort herumzulaufen war damals undenkbar!
Radfahren in der Rhön Grenze bikingtom
Am früheren Grenzverlauf.

 Nach dem Besuch dieser Gedenkstätte, der doch zum Nachdenken anregte, schwang ich mich wieder auf das Rad und fuhr den ganzen Berg wieder hinunter nach Geisa und dann weiter auf dem Ulstertalradweg. Jetzt schien das Wetter umzuschwenken. Dunkle, sehr dunkle Wolken kamen immer näher. In der Luft war zu spüren das ein Gewitter im Anmarsch war. Das fand ich nicht so prickelnd, denn vor solchen Naturgewalten habe ich Respekt. Die kann ich nicht beherrschen. Also war mein Motto „nix wie weg“. Zuerst sah es fast so aus also ob das Unwetter mich doch erwischen würde. Doch als ich in eine wunderschöne Auenlandschaft hinein fuhr, links und rechts die Berge etwas höher wurden, verschwand das aufziehende Gewitter nebenan im nächsten Tal. Da hatte ich nochmal Glück gehabt. Und so radelte ich weiter beschwingt durch eine faszinierende Landschaft.

Radfahren in der Rhön bikingtom
Herrliche Landschaft an der Ulster.

 Vorbei an den thüringischen Dörfern Buttlar und Pferdsdorf kam ich dann nach Philipsthal an der Werra, schon wieder auf hessischer Seite. Wie man sieht, hier verschwimmen fast die Grenzen. Jedenfalls gibt es dort das gleichnamige Schloss. Mal wieder eins. Der Radweg führt da mitten durch. Erbaut in den Jahren 1685 bis 1735 beherbergt es heute u.a. das Rathaus und ein Altenwohnheim. Durch das Torbogenhaus gelangt man wieder hinaus – oder hinein – je nachdem woher man kommt.

Radfahren in der Rhön bikingtom
Im Hof von Schloss Philipsthal. Und mittendurch der Radweg.

 Nun war der Werratal-Radweg also mein Begleiter. Schon kurz nach Philipsthal war ich wieder in Thüringen unterwegs. Genauer gesagt verläuft die Grenze der beiden Bundesländer Hessen und Thüringen hier bei Vecha. Viele Fachwerkhäuser waren hier jetzt zu sehen. Eine merkwürdige Ruhe war überall zu spüren. Nicht unangenehm, sondern eher so, als sei hier an manchen Orten die Zeit einfach stehen geblieben und Stress eher ein Fremdwort. Menschen waren kaum zu sehen. Nur selten sah ich mal einen Radfahrer. Das lag aber vielleicht auch daran, das der Radweg zwischen Vacha und Dorndorf direkt auf der zwar wenig befahrenen Bundesstraße 84 verläuft, aber deshalb auch nicht gerade angenehm zu befahren ist. Denn wenn da Autos fahren, dann auch nicht langsam. Das Stück war also leider nicht so ergreifend schön.

Radfahren in der Rhön bikingtom
Blick nach Vacha.

  Doch ab Dorndorf wurde es wieder besser. Allerdings nur der Radweg. Das Wetter war jetzt doch in Begriff wieder schlechter zu werden. Auftürmende Wolken kündeten von einer Schlechtwetterfront. Ich konnte weit ins Land schauen, doch in der Richtung, woher die dunklen Wolken kamen, war weit und breit auch keine Verbesserung der Lage zu erkennen. Das ließ mich kräftig in die Pedale treten. Bei Merkers nahm ich dann auch die Alternativroute des Werratal-Radwegs, direkt an der Werra entlang anstatt  die Hauptroute über Kieselbach und dem Kraynberg. Der Weg war allerdings eher ein rumpeliger und schlechter Pfad, der an manchen Stellen sehr schmal war und teilweise hohes Gras in den Weg hinein wucherte. Das man das überhaupt offiziell als Radweg ausschildert fand ich etwas befremdlich. Aber egal. Das schlechte Wetter saß mir im Nacken und da war das jetzt doch das geringere Übel.

Radfahren in der Rhön bikingtom
Impressionen zwischen Vacha und Dorndorf. Der Kaugummi-Automat ist der Hammer!

 Ich wollte noch ein paar Kilometer machen, sah meine Chance aber nach und nach mehr schwinden. Kurz vor Tiefenort kam ich dann vom holprigen Pfad, den man anscheinend doch in zügiger Geschwindigkeit befahren kann wenn es nötig ist, wieder auf die Hauptroute des Werratal-Radwegs. Wieder fielen mir die Fachwerkhäuschen auf, die man hier anscheinend öfters finden kann. Mitunter sehr schön wieder in Stand gesetzt und schön anzusehen.

Radfahren in der Rhön bikingtom
Hier und dort immer wieder Fachwerk.

 Der nächste Ort hieß Bad Salzungen. Ein Besuch des Ortskern hätte sich höchstwahrscheinlich gelohnt. Da gibt es die Therme, den Burgsee sowie das Gradierwerk. Gerade für Allergiker ermöglicht die Sole hier rasche Linderung. Auch bei Atemwegserkrankungen ist man hier bestens aufgehoben. Doch es trieb mich noch ein Stück weiter. Um genauer zu sagen bis Immelborn. Weiter schaffte ich es nicht mehr, das Unwetter holte mich ein. Keine zehn Minuten nachdem ich die Tour beendet hatte, verdunkelte sich der Himmel drastisch und der Regen prasselte mit voller Wucht zu Boden und Blitz und Donner brachen über die Landschaft herein. Ein gewaltiges und irgendwie auch passendes Ende  für diese spannende, informative und manchmal auch überraschende Tour. 87 Kilometer lang, aber nie langweilig.

Hier kann die Tour als gpx-Datei heruntergeladen werden! Die Tour hat da eine Länge von rund 90 Kilometern, da ich die Alternativ-Route an der Werra entlang bei Krayenberg nur bedingt empfehlen kann. Sie ist zwar schön, aber sehr holprig. Deshalb führt die Route um den Krayenberg herum. Und ich bitte auch zu beachten, das der Weg von Geisa hinauf zum Alpha Point ziemlich steil ist, aber sich die Mühe lohnt! Ich wünsche euch trotzdem viel Spaß damit!

Radfahren in der Rhön bikingtom
Jüdischer Friedhof bei Barchfeld.
Radfahren in der Rhön bikingtom
Kurz bevor das Unwetter losbrach. Die Ruine „Steinsches Schloss“ in Barchfeld-Immelborn.

 

nach oben