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Bikepacking oder: Zwei Tage im November

Wer mich kennt, der weiß, dass ich des Öfteren auf dumme Gedanken komme. Allerdings natürlich im positiven Sinne. Und gerade, wenn es ums Radfahren und Bikepacking geht. So auch bei dieser Geschichte. Zwei Tage im November erzählt die Geschichte zweier Typen auf ihren Gravelbikes und einer herausfordernden Gravelstrecke über 300 Kilometer mit einer Überraschung beim Overnighter.

So begab es sich, dass es mich überkam und ich volle Pulle Bock hatte, jetzt, um diese Jahreszeit, noch einen Overnighter zu machen. Die Wettervorhersage war recht gut, mit einigermaßen milden Temperaturen. Daher sollte nur das Notwendigste ans Gravelbike geschnallt werden und es gerne auf eine längere Bikepacking-Runde gehen. Nur wohin und woher war die Frage. Als ich anfing, mich durch Komoot zu wühlen, nach Inspiration suchend, fand ich urplötzlich ein Bild einer schicken, anscheinend recht neuen Schutzhütte. Potzblitz, da war sie, die Idee.

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Die zwei Strategen vor dem obligatorischen Holzstapel-Foto.

Mit dem Zug nach Bonn, dann mit dem Gravelbike in Richtung Eifel und ab dort nordwärts zu den Tagebau-Löchern bei Köln und zurück nach Essen. Auf den Meter ziemlich genau 300 Kilometer. Purer Zufall. Das Ganze wollte ich gerne in Begleitung fahren. Doch um diese Jahreszeit jemand zu finden, der a) Zeit und b) Bock hat, sich spontan mit einer geringen Vorlaufzeit von drei Tagen anzuschließen, ist nicht immer einfach. Schön, dass Markus nicht lange fackelte und direkt zusagte.

Auf geht’s

Allerheiligen. Morgens früh am Bahnhof. Mal wieder. Diesmal in Richtung Bonn. In Duisburg muss ich umsteigen und hier treffe ich auch Markus. Wie es die liebe Bahn gerne macht, gibt es eine ungeplante Verspätung und ich hechte von einem Gleis auf das andere, um die Verbindung noch zu bekommen. Markus blockiert quasi die Tür, damit ich es auf die allerletzte Sekunde noch schaffe. Schwein gehabt, es klappt.

Nach der kurzen Adrenalinausschüttung gibt es in Bonn erst einmal ein kurzes Frühstück zur Stärkung. Denn nur wenige Meter weiter lauern auf uns schon die ersten seichten Anstiege hinauf in Richtung Kottenforst.

Konzentration hoch! Man weiß nie, was da unter den Blättern liegt.

Auch, wenn der Himmel tatsächlich etwas grauer ist, als erwartet, bringen die immer noch goldbraunen Blätter auf den Bäumen und vor allem auf dem Boden etwas Farbe ins Spiel. Aufpassen müssen wir aber schon, denn die beste Bereifung nützt wenig, wenn das Laub nass und glitschig ist. Also erst einmal etwas einfinden mit den Umständen. Konzentration ist auf dieser Tour wichtig.

So tauchen wir ein, in eine Landschaft, in der Abermillionen Blätter unseren Weg säumen, einem roten (und gelben) Teppich gleichend. Das Blitzlichtgewitter findet in unserem Kopfkino statt. Es riecht förmlich nach einer wunderbaren Bikepacking-Tour. Wir erfreuen uns beide an der Naturbühne, mit einem Schauspiel, dass eher Freestyle-mäßig daherkommt, bis auf die Route an sich und das 24h-Stundenhotel für die Aftershow-Party, in dem wir einchecken können, wann wir wollen.

Doch ganz ohne Fleiß und Mühe geht es in unserem Film dann doch nicht. Die Anstiege sind oft kurz und knackig, von Kälte ist bei uns beiden keine Spur zu finden. Wir steigen hinab in tiefe Schluchten und wühlen uns durch Laubberge wieder hinauf in die Höhe.

Wir überschreiten unmerklich die Grenze zu Rheinland-Pfalz. Dort liegen irgendwo Ortschaften wie Kalenborn, Krälingen oder Kirchsahr, von denen bekommen wir aber so gut wie nichts mit. Wir sind gefühlt in der Einsamkeit der Wälder gefangen und verwundert, als plötzlich ein einsamer Wanderer um die Ecke kommt.

Von Höhen und tiefen Schluchten

Höhenmeter für Höhenmeter sammeln wir. Die Landschaft, die Eindrücke und die Aussichten sind abwechslungsreich und alles andere als monoton. Und manchmal skurril. Bei Winnen biegen wir von der Straße auf einen Pfad ab, der uns hinunter nach Binzenbach führen soll. Und da entfleucht uns ein langezogenes „Ooh…Ooooohhhh…Ooooooooooooooohhhh“.

Öööhhhh..am Fuße der Wand erwartet uns schon der T-Rex.

Steil ist untertrieben, wenn wir den Pfad beschreiben müssten. Der Weg unter den gold-gelb-braunen Blättermeer kaum zu erkennen, geht es hinunter in den Schlund, den der Wald vor uns öffnet. Fahren ist nicht, wir schliddern mit einem Fuß im Pedal und einem auf den Boden schlittenartig hinab. Die Gravelbikes sind kaum zu bändigen. Die Hände verkrampfen immer mehr am Bremshebel. Es hört nicht auf. Irgendwann hilft nur noch aufspringen, Augen zu und durch.

Okay, wir lassen sie lieber auf. So sehen wir, unbeschädigt unten angekommen, beim Umdrehen, welche Wand wir da hinuntergekommen sind. Krass. Und dann, unten, mittig auf der Wiese steht ein…Dinosaurier. Ein T-Rex aus Holz. Was zum…? Er steht da einfach so. Wir rätseln, was es damit auf sich hat.

Den Schuss nicht gehört

Ein paar wenige Meter weiter entdecken wir eine Art Zielscheibe an einem alten, fast verfallenen Holzschuppen. Daneben aus Plastik irgendwelche Tiere. Alle mit zahlreichen Einschusslöchern versehen. Himmel hilf, wo sind wir denn da gelandet? Alles wirkt, wie in einem schlechten Film.

Noch ein paar Meter weiter kommen wir an einem kleinen Gehöft vorbei. Die Gemäuer sind teils am Verfallen, teils scheinen sie aus dem Mittelalter zu stammen. Wie gesagt, manchmal sieht man auf Touren skurrile Dinge. Und manchmal wie aus der Zeit gefallen. „Irgendwo im Nirgendwo“, das könnte die passende Bezeichnung für diese Ortschaft sein. Wo jeder Fremde mit Argusaugen beobachtet wird…und in diesen Filmen urplötzlich verschwindet…

Nettes Türmchen in Bad Münstereifel.

Wir treten flugs in die Pedale und sind auch schon wieder im Wald verschwunden. Serpentinenartig geht es wieder hinauf. Markus spricht bei diesem ewigen Auf und Ab von „verschwendeten Höhenmetern“. Das kommt der Wahrheit manchmal sehr nahe, wir müssen dennoch bei dem Gedanken lachen.

Von Asphaltstraßen sehen wir nicht viel. Falls doch, geht es nach ganz wenigen Metern direkt wieder hinein in den Wald. Einfach kann jeder. Und so schlängeln wir uns zwischen Falmersheimer Wald und Kirchheimer Wald in Richtung Bad Münstereifel.

Zivilisation. Es gibt sie noch. Auf der Suche nach einem Café fahren wir durch das alte Stadttor und werden direkt fündig. Wir sitzen draußen, so wirklich kalt ist es nicht. Ich pfeife mir einen doppelten Espresso und einen verdammt leckeres Stück Kirsch-Streusel-Kuchen rein. So was von verdient.

Sonnenschein

Als wir so dasitzen, ändert sich plötzlich das Licht. Und wie aus dem Nichts scheint plötzlich die Sonne. Nichts wie los, das müssen wir ausnutzen. Entlang der Schotterpiste, offiziell auch Teufelsloch genannt, geht es am Eschweiler Bach entlang. Eingebettet zwischen Eschweiler Tal und Kalkkuppen, bricht die Sonne ihre Strahlen zwischen den letzten Blättern der Bäume. Sanftes, warmes Abendlicht (okay, es ist erst Nachmittags) lässt die verbliebenen Farben der Natur noch einmal für uns leuchten.

3 / 7

Wir erklimmen für mich traumhafte, für Markus augenverdrehende Wiesenwege hinauf nach Nöthen. Nicht die letzten, wie wir bis spätnachts noch feststellen werden. Dennoch: dieses bezaubernde Licht möchten wir am liebsten festhalten und nicht mehr loslassen. Dieses Licht macht was mit deinen Sinnen, deinem Geist und löst ein Wohlbefinden aus, von dem du nie genug bekommen kannst.

Kleine Kapelle inmitten einer kleinen Ortschaft.

Doch leider bleibt es bei einer Momentaufnahme. Schneller, als uns lieb ist, ziehen wieder gräulich-weiße Wolkenfetzen auf und verschlucken das Sonnenlicht. Bei Vussem, nach erneut rasanter, (Blatt)Schussfahrt fällt unser Blick auf eine Brücke direkt am Wegesrand. Die entpuppt sich aber als altes römisches Viadukt. Zu sehen gibt es nur wenig. Wir wundern uns über den Aufriss, der hier betrieben wird.

Altes Römisches Viadukt bei Vussem.

Doch nach Recherche entpuppt sich die Gegend als Region, in der die Römer äußerst aktiv waren. So gibt es nicht allzu weit entfernt noch weitere Bauten der Eifelwasserleitung und sogar eine Brunnenstube zu bestaunen. Das alles hat natürlich einen Namen: „Erlebnisraum Römerstraße / Agrippastraße – Via Belgica“, so der Titel. Die Agrippastraße führte zur Römerzeit einst von Köln nach Lyon und die der Via Belgica von Köln nach Boulogne-sur- Mer an die Atlantikküste! Damals konnten die Baumeister anscheinend noch Großprojekte bauen…

Ich erinnere noch einmal an die Wiesenwege. Ich selber bin überrascht, wie viele wir mittlerweile im Programm haben. Herrlich in die Landschaft eingebettet, kosten sie dennoch eine Menge Körner. Wo wir möglicherweise auch einfach die Straße entlang fahren könnten, habe ich anscheinend jeden Wiesenweg mitgenommen, den es hier gibt. Gut, wir haben ja auch Gravelbikes unter dem Pöppes und keinen Straßenboliden. Markus reitet genüsslich darauf herum.

Gefahr auf dem Truppenübungsplatz

Langsam naht die Dämmerung und wir erreichen nach Mechernich das Gebiet der Schavener Heide. Sie ist nicht zu jeder Zeit durchfahrbar, ist das Gebiet doch ein Truppenübungsplatz und kann nur zu bestimmten Uhrzeiten und Tagen besucht werden. Dabei gilt es, unbedingt auf den befestigten Wegen zu bleiben. Ich hatte mich im Vorfeld erkundigt, aber einem Feiertag hätte mich ein Betretungsverbot auch verwundert. Viel zu sehen gibt es nicht, außer zwei alten ausgedienten Panzern am Wegesrand, die dort eher für mögliche Spaziergänger oder Fahrradfahrer drapiert wurden.

So sind wir schnell durch die Heidelandschaft und dem Truppenübungsplatz durch. Es wird jetzt fix dunkel und wir müssen unsere Lichter einschalten. Die Geschwindigkeit in den Wäldern lässt deutlich nach, wir müssen uns auf den Weg konzentrieren, um nicht in mögliche Schlaglöcher unter dem Laub zu versinken. Ein gewisses Risiko fährt mit, als wir so durch den „Billiger Wald“ graveln. Was für ein Name.

Am Rand von Euskirchen angekommen, sind wir ganz froh, dass wir hier an einer Pizzeria für unser „Abendessen“ stoppen können. Markus hat in liebevoller Mühe eine Marsch-Tabelle gebastelt und weiß die ganze Zeit, wo wir zu Essen und zu Trinken herbekommen. Ich Dödel wäre bei dieser Tour einfach drauflos gefahren. Wahrscheinlich wäre ich auch nicht verhungert, aber so ist das natürlich viel einfacher. Top! Danke und Shout out to Markus.

Deluxe-Dinner eines Bikepackers

Die „Stern-Pizzeria“ entpuppt sich als „Stern-Döner“-Laden. Einer, der alles kann und alles im Programm hat. Das kann gefährlich sein und durchaus auf dem Stillen Örtchen enden, wie man aus Erfahrung schon einmal hört…Anscheinend brummt der recht neu wirkende, gläserne Bau. Ein Kommen und Gehen von Kunden. Zahlreiches Personal hinter dem Tresen, die Bestellungen aufnehmend oder das Essen an die Kunden herausgebend.

„Die müssen doch was können“, denken wir und bestellen uns zwei Pizzen samt Weizengetränk zum hiesigen Verzehr. Das Personal ist superfreundlich und zuvorkommend, die Pizza schmeckt, wie eine gute Pizza schmecken muss. So haben wir uns das vorgestellt und sind gestärkt für die nächsten Kilometer bis zu unserem Domizil. Und das sind noch einige.

Niesel setzt sein. Ganz fein, aber stetig. Das macht die Wiesenwege nicht einfacher zu fahren, von denen gefühlt immer mehr kommen. Von der x-ten Anhöhe müssten wir rechts von uns Zülpich liegen haben. Mehr als diverse Lichter sehen wir nicht. Wo wir wirklich gerade sind, lässt sich nur beim Blick auf die Karte des Navis erkennen.

Wiesenwege und kein Ende

Bei Embken gilt es noch einmal Höhenmeter zu schrubben. Natürlich auf einem Feld-Wiesen-Was-Weiss-Ich-Weg. Unmittelbar daneben, nur durch das Scheinwerferlicht zu erkennen, Gräben so tief wie der Mariannengraben. Vielleicht etwas übertrieben, aber ich schwöre, zumindest fast so tief.

Wir kommen nach Niddeggen, ohne dass wir Niddeggen wahrnehmen. Wir umkreisen das Dorf wie eine Spinne ihre Beute, fahren dann aber ein in den dunklen Wald. Wir sehen nur das, was in unserem Lichtkegel zu erkennen ist. Die ganze Aufmerksamkeit ist nur auf dieses kleine helle Fleckchen vor uns auf dem Boden gerichtet.

Eine sehr gute Beleuchtung ist unablässig.

Es geht hinunter zur Rur. Buckelige, schwierige Pfade mit bis zu 15 %-Abfahrten machen dieses Teilstück nicht leicht zu fahren. Aber irgendwie ist es auch schön, so an den Hängen zu fahren. Das Dunkle wirkt bedrohlich und anziehend zugleich. Angst? Nein.

Irgendwann kommen wir unten an und wissen, das müssen fast alle Höhenmeter gewesen sein. Denken ist das Eine…Entlang des Stausees Obermaubach geht es kurz darauf über einen Stauwehr ins gleichnamige Dorf. Direkt auf der anderen Seite fällt mir der 24h-Futterautomat an einem Café auf. Bikepacker haben ein Blick für sowas. Lauter süße Verlockungen in diesem Blechding lauern auf deinen Geldbeutel. Ich habe jedoch noch mehr als genug in meinem Trinkrucksack. Markus verfällt jedoch dem Charme dieser Maschine und gönnt sich Wasser zum Nachschub.

Leicht abwärts rollend, der Rur entlang bis Kreuzau geht es, bis die nächsten Höhenmeter hinter Kuffrath an der Bergehalde Beythal auf uns lauern. Schönste Wege mit feinem Schotter wechseln sich ab mit: Graswegen. Was sonst. Dann geht es über den Golfplatz von Düren. Die 18 Löcher sparen wir uns aus und nehmen den normalen Weg hindurch.

Wir wissen, von Düren sind es nur noch ein paar wenige Kilometer bis zu unserem 24h-Hotel. Kurz nach Düren haben wir eine passende 24h-Tankstelle im Blick, die uns mit netten Belohnungen für den Tag versorgen soll. Bis dahin geht es dennoch ein Stück über ungezählte Pfade. Wir sind langsam müde, der Pöppes möchte auch eine Pause, die Akkus der Lampen gehen ebenfalls zur Neige.

Space-Cowboys

Bei Merken sehen wir zum ersten mal die Lichter der riesengroßen Bagger im Tagebau Inden. Sie scheinen aus einem Science-Ficition-Film zu entstammen. Sie bilden beleuchtet die Form der USS Enterprise, die Ähnlichkeit ist frappierend. Einer sieht aus wie ein Düsenflugzeug aus ferner Zukunft, was gerade abhebt. Ringsherum ist alles stockdunkel. Ein krasser Anblick. Abgebaut wird hier rund um die Uhr. Ein Wahnsinn.

Bei Selhausen finden wir nach kurzer Orientierungslosigkeit die Tankstelle. Wir versorgen uns mit Hopfengetränken und Cola. Nächster Stopp: eine Schutzhütte ganz in der Nähe der Sophienhöhe, unmittelbar am Tagebau Hambach gelegen.

Es geht noch einmal leicht hoch. Die wenigen Höhenmeter tuen verdammt weh. Es reicht uns für heute. Über 2000 knackige Höhenmeter sind genug. Und dann sehen wir in der Schutzhütte plötzlich Kerzen brennen…

Überraschung in der Schutzhütte

Ist dort schon jemand? Müssen wir uns eine andere Bleibe suchen? Mitnichten. Die halboffene Schutzhütte wurde vor ein paar Jahren von einem Ehepaar gespendet. Am Kopf ist ein Kreuz in die Mauer eingelassen, davor eine kleine Ablage als eine Art Altar. Dort brennen die Kerzen vor ein paar Heiligenstatuen. Es wird sich anscheinend um dieses Kleinod sorgfältig gekümmert. Links und rechts stehen schmale Holzbänke. Was für eine Atmosphäre. So schön. Und vor allem absolut sauber.

Wir fühlen uns direkt wohl. Es ist nachts um halb zwei, als wir hier unser Lager nach 170 km aufschlagen. Wir lassen den Tag etwas Revue passieren, quatschen tatsächlich noch über unser Equipment und nuckeln an unserem Bier, bis unsere Augenlieder schwer werden. Zeit zu schlafen in dieser unfassbaren Stille.

Tag 2. Es ist acht Uhr, als ich aufwache. Markus ist schon ein paar Minuten wach. So lange wollte ich gar nicht schlafen, ich war im Glauben, da wären wir schon längst wieder auf dem Rad. So bin ich gut erholt, als wir unsere Schlafstätte abbauen und alles einpacken, was wir mitgebracht haben. Sogar ein Besen gibt es in dieser Schutzhütte, mit dem wir den Boden wieder sauber machen können. Perfekt.

Es ist nebelig, viel sehen tuen wir nicht, als wir losrollen. 130 Kilometer liegen vor uns. Wir wollen zunächst in Richtung Obersee. Der liegt auf der Sophienhöhe mit Blick auf den Tagebau. Doch den Schlenker schenken wir uns, denn wir sehen vor lauter Nebel einfach nichts. Unser Höhenprofil weist vor uns eine immense Wand auf. 22 abartige Prozent lauern uns als Endgegner auf. Doch als wir genau an diese Stelle kommen – nichts. Mehr als 1 bis 2 Prozent sind es einfach nicht. Das muss ein Datenfehler sein. Als schlimm empfinden wir dies in dem Moment aber nicht.

Gravelparadies Sophienhöhe

Dann geht es abwärts. Es ist unglaublich, was für ein weit verzweigtes Netz an Wegen (über 70 km lang!) es an der Sophienhöhe gibt. Sie nehmen kein Ende. Obwohl die Halde „nur“ etwas über 300 Meter an ihrer höchsten Stelle misst, fühlt es sich an, als ob wir einen Eintausender hinabfahren. Ein fantastisches Gebiet, auf dem 2025 sogar ein Gravelrace stattfinden wird. Perfektes Terrain mit all den Kies- und Schotterwegen. Abraum, das aus dem Loch nebenan herausgeholt wurde und heute viel Wald und Natur beherbergt. Das Loch in der Erde ist dennoch alles andere als schön.

Unser erstes Ziel des Tages bei diesen nasstrüben Wetter ist der Bäcker in Kaster. Dort lassen wir es uns gut gehen. Frische Brötchen und Kaffee lassen müde Glieder wieder munter werden. So stürzen wir uns mit Elan wieder hinein in die Landschaft. Wir gelangen an die Erft, wo die Wege schmaler und schmaler werden und wir plötzlich mittendrin im Dornengestrüpp sind.

Ja, solche Pfade machen Spaß.

Zum Glück sind es nur wenige Meter, bis uns das Gebüsch auf einen Feldweg ausspuckt. „Man, wer hat das nur geplant?“, feixe ich, während der Blick auf die riesigen Kraftwerkstürme hinter den vor uns liegenden Wäldchen fallen.

Es geht zwischen und über Felder hinweg. Ja, genau: über! Denn eins ist klar: Der zweite Tag bedeutet nicht, dass es keine Wiesenwege mehr gibt. So schlängeln wir uns durch diese Landschaft, in dem das Thema Energie tief verwurzelt ist. Neben den Ungetümen von Kraftwerksbauten vor- und hinter uns lauern schon die Windkrafträder der neuen Generation an Energieerzeugern. Kontrastprogramm pur.

Der alte Bahndamm

Bei Rommerskirchen gelangen wir auf den sogenannten „Strategischen Bahndamm“. Der Strategische Bahndamm wurde ab 1904 errichtet. Der Hauptzweck dieses Bauwerks sollte es sein, eine strategische Verbindung für militärische Transporte zu schaffen. Der Bahndamm sollte die Mobilität der Truppen und die Versorgung mit Material verbessern. Er wurde jedoch nie fertiggestellt, ein Zug fuhr dort nie.

Endlich wieder Wiesenwege.

Der Damm ist heute ein beliebter Radweg. Er führt bis kurz vor Neuss. Nur manchmal unterbrochen von einer Straße, rödeln wir mit unseren Gravelbikes über die endlos lange Piste. Als Zwischenziel haben wir uns bei Meerbusch das bekannte (Rad-)Café Dino Capuccino ausgeguckt. Jetzt malen wir uns schon aus, was denn dort für Leckereien auf uns warten. Das Wasser läuft mir bereits im Munde zusammen.

Doch zuerst müssen wir noch Neuss umfahren. Dazu nehmen wir ruhige Straßen und Feldwege. Und dann sind wir endlich am Café angekommen. Wie sollte es auch anders sein, ist es proppenvoll. Zum Glück entstammen wir nicht einer Gruppenausfahrt mit Dutzenden Teilnehmern, so dass wir zu zweit noch einen kleinen Tisch mit Barhockern in der Ecke ergattern.

Ein Rad-Café darf nicht fehlen

Umringt von Devotionalien des Radsports, das alte Bianchi über uns an der Wand hängend, geben wir unsere Bestellungen bei der freundlichen Bedienung auf. Ein leckeres Stück Erdbeertörtchen mit Sahne wartet nur darauf, in meinen gierigen Magen herunterzurutschen. Dazu ein Espresso doppio und meine langsam müde werdenden Geister erwachen zu neuem Leben.

Nur schleppend können wir uns wieder aufraffen. Draußen wird es bereits dämmrig und wir müssen die Lampen einschalten. Ich hätte gedacht, wir würden eher zurück sein. Aber erstens kommt es anders und zweitens ist es völlig egal. Wir haben keinen Zeitdruck und wir haben Spaß.

Aber wir fangen langsam an, von der einen Pobacke auf die andere zu rutschen. Monotonie stellt sich ein, als wir den gefühlt endlosen Deich am Rhein entlang rollen. Über die alte Krefeld-Uerdinger Brücke geht es auf die andere Rhein-Seite. Klar ist, auch hier gibt es noch Wiesenwege, die von uns unter die Räder genommen werden wollen.

Von hinten kommt süffisant die Ansage von Markus, dass wir gefühlt in die komplett falsche Richtung fahren, er wäre ja schon fast zu Hause gewesen. Lachen. Ich antworte, dass ich es ihm nicht so leicht machen wolle. Erneutes lachen.

Die Dunkelheit ist schneller da, als gedacht. Wir tauchen in die letzten Wälder der Tour ein. Vor lauter Blättern auf dem Boden sind die Wege kaum zu erkennen. Dunkel, wie im Bärena…, muss sogar das Fernlicht eingeschaltet werden. Ja nicht auf den letzten Metern noch in ein Loch oder über einen dicken Ast den Sittich machen.

Die Zivilisation hat uns wieder. Toll, der Hafen in Krefeld.

Finale

Und dann stehen wir vor dem dunklen MSV Duisburg-Stadion, dass schon bessere, sportlichere Fussballzeiten erlebt hat. Hier trennen sich nun unsere Wege. Gegenseitiges Schulterklopfen. Glückseliges Lächeln. Während ich noch rund 16 Kilometer vor mir habe, hat Markus es nicht mehr ganz so weit. Zwei Tage voller schöner Eindrücke liegen hinter uns. Mit einem Overnighter, der richtig gut getan und uns einen außergewöhnlichen Schlafort bescherrt hat. Zwei Tage im November war eine coole, abwechslungsreiche Bikepacking-Tour mit einer durchaus herausfordernden Streckenführung. Und einer tollen Begleitung. Ach ja: und vielen Wiesenwegen (die überraschenderweise allesamt dann doch gut zu fahren waren).

Bonus: Unsere Bikepacking-Route zum Download

Bonus: Mein Equipment für den Overnighter

Hier präsentiere ich dir ein paar Ausrüstungsgegenstände, die ich während des Overnighters dabei hatte. Das kann für dich eine Anregung sein. Falls ihr über die Links selber Produkte erwerben solltet, unterstützt ihr mich damit, da ich dadurch eine kleine Provision erhalte, mit der ich meinen Blog für euch zum allergrößten Teil werbefrei halte. Dies nur zur Transparenz.

Für eine oder zwei Nächte ist diese Expedition Satteltasche von Apidura optimal. Ich habe dort die Luftmatratze hineingepackt sowie mit dem Schlafsack den Rest der Tasche ausgefüllt. Dazu lässt sich die Tasche sehr fest und wackelfrei an Sattel und Sitzrohr befestigen. Es gibt sie in verschiedenen Größen.

Apidura Expedition Satteltasche / Foto Hersteller

Leicht aufzupumpen dank eines Sacks an der Schutzhülle, wodurch man nicht den Mund an das Ventil halten muss. Dazu bekommt man die Luft gut wieder heraus und die Sea To Summit Ultralight Air Mat lässt sich leicht aufrollen und verstauen. Qualitativ hochwertig verarbeitet, einen Flicken gibt es obendrein für den Falle eines Falles dazu. Und: es gibt drei verschiedene Größen!

Sea To Summit Ultralight Air Mat / Foto: Hersteller

Der Therm-A-Rest Parsec 32F/ 0C-Schlafsack hält auch bei kühlen Temperaturen im einstelligen Bereich kuschelwarm. Die Kapuze ist sehr angenehm, der mit einem Doppelreißverschluss versehene Schlafsack lässt sich leicht von innen öffnen. Mit zwei rückwärtigen Gummizügen lässt sich der Schlafsack an eine entsprechende Luftmatratze befestigen, ein Wegrutschen wird dadurch vermieden. Funktioniert top! Eingeengt fülle ich mich trotz der Mumienform nicht. Es gibt ihn in unterschiedlichen Größen! Dazu ist der Parsec noch sehr leicht. Ich möchte ihn nicht mehr missen.

Therm-A-Rest Parsec 32F/0C / Foto: Hersteller

Lange Bikepacking-Touren, bei denen auch durch die Nacht gefahren wird: da braucht es ein sehr gutes Licht, damit auch die Konzentration hochgehalten wird. Ich habe seit über zwei Jahren die Lupine SL Nano AF im Einsatz und bin hochzufrieden. Sie kann man am Lenker oder GoPro-Halterungen montieren. Für mich ist das durch Knopfdruck schnell zuschaltbare Fernlicht sehr wichtig, wenn es zum Beispiel durch ausgedehnte Waldgebiete geht. Ja, sie ist teuer, die Qualität und der weithin bekannte gute Service sprechen nach eigener Erfahrung jedoch für sich. Ersatzteile sind Jahre später noch zu bekommen. Gut zu wissen: es gibt unterschiedlich starke Akku-Größen.

Lupine SL Nanon AF / Foto: Hersteller

Hier gibt es noch mehr Infos, welches Equipment ich sonst noch so auf meinen Bikepacking-Touren benutze.

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